Repertorium › Arzneimittel im Repertorium

Agaricus muscarius (Agar.)

Agaricus muscarius (Agar.) steht im Repertorium in 997 Rubriken. Davon sind 71 Single-Rubriken, in denen nur dieses Mittel steht, und 101 kleine Rubriken mit höchstens zwei weiteren Mitteln. Die Schwerpunkte liegen beim Delirium und den Wahnideen, bei der Angst, dem Lachen und der Ichbezogenheit, bei Sprache und Sprechen sowie bei der Arbeit. Aus ihnen ergibt sich das Bild eines Menschen, dessen Geist sich in Ausgelassenheit, Redefluss und Wahnbilder löst und der zugleich bei jeder anhaltenden geistigen Anstrengung versagt.

Das Delirium und sein Wechsel

Das Delirium ist der größte Block. Es wechselt mit Erregung, mit Lethargie, mit Stupor und mit Traurigkeit; ein heiteres Delirium löst ein melancholisches ab, und in der Raserei steht religiöse Erregung neben Wut. Die Rubriken zeichnen eine Person, die heiter und kindlich auftritt, im Delirium mit Kindern herumtollt und singt oder spricht, ohne auf Fragen zu antworten. Sie kann aber auch gefährlich werden und wirft nach der Krankenschwester, wie es die Single-Rubrik „Delirium – erkennt niemanden – wirft mit Wein und Medikamenten nach der Krankenschwester“ verzeichnet. Ihr Drang, sich zu bewegen, führt sie ins Gefährliche: „Läuft umher – gefährlichsten Orten, an den“. Das Delirium kommt leicht, verläuft mit Zuckungen oder Rucken und erscheint bei Typhus ebenso wie bei Kolik im Bauch.

Wahnideen

Die Wahnideen sind ungewöhnlich bildhaft und überdehnen die Größenverhältnisse. Ein Löffel Wasser erscheint wie ein See, ein kleines Loch wie ein Abgrund, Stufen sind zu hoch, der ganze Körper ist verkleinert. Dazu gehört die Vorstellung, laufen zu können wie nie zuvor, zu tanzen oder den Körper zu verlassen und diesen Zustand zu genießen. Eine zweite Gruppe von Single-Rubriken führt in die Beichte: Die Person steht an der Pforte der Hölle und muss ihre Sünden bekennen, und ein Pilz gibt ihr den Befehl, auf die Knie zu fallen. Der Wortlaut lautet: „Wahnideen – Pilz würde ihr/ihm den Befehl geben – beichten, auf die Knie zu fallen und ihre/seine Sünden zu“. Derselbe Pilz verlangt in einer weiteren Rubrik, sich den Bauch aufzuschlitzen. Auch Rachsucht ist unter den Wahnideen verzeichnet.

Ehrerbietung und Selbstdarstellung

Zwei gegensätzliche Haltungen stehen nebeneinander. Die eine ist die der Unterordnung: Die Person beugt sich allem, bemüht sich, die Erwartungen anderer zu erfüllen, spricht respektvoll und ehrerbietig und küsst die Hände ihrer Gefährten. Bei Kritik stellen sich Beschwerden ein, und im Umgang mit Menschen ist sie behutsam; sie fürchtet, gestört zu werden. Die andere ist die der Selbstüberhebung: Sie trägt ihre Heldentaten und Großtaten vor, schmiedet kühne Pläne und fordert Beachtung. Beide Seiten folgen offenbar demselben Bedürfnis nach Anerkennung.

Sprache und Stimmung

Die Sprache wirkt gelöst und zugleich ungeordnet. Das Repertorium kennt ekstatisches und fröhliches Sprechen, Sprechen über Schlachten und Krieg, Prophezeien in Reimen und ein Abschweifen von einem Thema zum anderen. Sie springt, singt und tanzt, und das Lachen setzt unwillkürlich ein, nach dem Gähnen oder bei Druck auf die Wirbelsäule. Eine Stimmung, die sich leicht entzündet, ist auch verzeichnet: Reizbarkeit wechselt mit Singen, Zorn und Raserei kommen und gehen, und der Betreffende hadert mit allem.

Geistige Arbeit und Kraftlosigkeit

Dem Überschwang steht die Erschöpfung des Geistes gegenüber. Langanhaltende geistige Arbeit schadet, kontinuierliche Arbeit ist unmöglich, besonders morgens; die Benommenheit stellt sich nachts um drei Uhr ein, und das Denken ist träge. Das Verhältnis von Willen und Kraft ist verschoben: „Wille – erregt bei Betäubung – schon der geringste Wille scheint gewaltige Folgen nach sich zu ziehen“. Die Rubriken zur Entwicklung reichen von spätem Sprechen- und Gehenlernen bis zur Korsakoff-Psychose, und es gibt Gefühle der Unsicherheit: das Gefühl, das Bewusstsein zu verlieren, wenn man sich hinlegt, und das Gefühl, die Beine gehörten nicht einem selbst.

Zusammenfassung

Agaricus muscarius erscheint im Repertorium als ein Mittel, in dem Überschwang und Ohnmacht eng beieinanderliegen. Ein Mensch, der redet, singt und von Heldentaten berichtet, gehorcht zugleich mit Eifer und fürchtet die Störung; sein Geist reicht bis in die Bilder von Hölle und Abgrund, trägt aber keine anhaltende Arbeit. Die Zustände lösen einander ab, ohne dass einer von ihnen dauerhaft die Führung übernimmt.

Alle Rubriken dieses Mittels, die Arzneimittellehre und die Fallarbeit finden Sie in Rathmer’s Repertorium.

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