Repertorium › Arzneimittel im Repertorium
Anacardium orientale (Anac.)
Anacardium orientale (Anac.) steht im Repertorium in 1.497 Rubriken. Davon sind 67 Single-Rubriken, in denen nur dieses Mittel steht, und 144 kleine Rubriken mit höchstens zwei weiteren Mitteln. Der Schwerpunkt liegt eindeutig bei den Wahnideen (161), dazu bei den Kindern, der Furcht, den Beschwerden durch Kränkung, der Angst, dem Gedächtnis, der Sprache und dem Zorn. Aus ihnen ergibt sich das Bild eines gespaltenen Menschen: Zwei Willen, zwei Existenzen oder zwei Stimmen, eine gute und eine böse, streiten in ihm, die Gewalt bricht plötzlich aus und endet in Reue, und die Beziehung zu Gott, Religion und Moral steht unter Druck.
Die Spaltung des Willens
Die zentrale Erfahrung ist die Zweiheit. Single-Rubriken beschreiben das Gefühl, zwei Willen zu haben, von denen der eine befiehlt, was der andere verbietet; den Streit mit sich selbst; die Wahnidee, doppelt zu sein, wobei die innere Person die äußere zum Aufstehen drängt und die außen stehende nur leicht übergestreift ist. Hinzu kommen kleine Rubriken: doppeltes Bewusstsein, zwei Existenzen, Geist und Körper seien getrennt, der Geist habe sich vom Körper getrennt, Gedanken seien vom Willen getrennt, unstetiger Wille und widersprüchliche Impulse. Auch die Wahnidee, Gott zu sein und dann wieder der Teufel, das Selbstverständnis als dämonisch oder als Jesus und das Gefühl, besessen zu sein, gehören hierher. Die Person erlebt sich nicht als Einheit, sondern als Schauplatz widerstreitender Instanzen.
Teufel, Engel und Stimmen
Die Spaltung nimmt eine moralische Gestalt an. Mehrere Single-Rubriken beschreiben, dass ein Teufel im Nacken sitzt und zu anstößigen Dingen auffordert, oder dass er in das eine Ohr spricht und zum Morden auffordert, während ein Engel in das andere spricht und zu Taten der Güte rät. Weitere Wahnideen betreffen Flüstern: Es sind gotteslästerliche Worte, die dem Teufel zugeschrieben werden, und eine Single-Rubrik hält fest, dass jemand Blasphemie zuflüstert. Stimmen rufen die Person bei ihrem Namen, befehlen ein Verbrechen, verlangen zu stehlen und zu töten, zwingen zu Geständnissen von Taten, die nie begangen wurden, und sprechen in schimpfender, unflätiger Sprache. Im Delirium tremens kommt eine laute Stimme im rechten Hinterkopf hinzu, die den Betroffenen der Gotteslästerung bezichtigt. Die Gestalten sind dabei oft Begleiter: Zwei merkwürdige Figuren gehen links und rechts neben der Person, und in Spiegeln erscheinen die Gesichter aller außer dem eigenen.
Verdammnis und Verfolgung
Eine weitere Gruppe kreist um Schuld, Fluch und Bedrohung. Die Person fühlt sich verdammt, ihre Seele könne nicht erlöst werden, sie sei verflucht oder verzaubert und könne den Bann nicht brechen, sie sei das Objekt göttlicher Rache und für die Welt verloren, jenseits aller Hoffnung. Sie glaubt, nicht ehrlich zu sein, bespitzelt zu werden, verfolgt von etwas Schrecklichem, existenziell bedroht, und selbst eine Kleinigkeit werde zu großen Schwierigkeiten führen. Hinzu kommen Bilder von Tod: auf einer Bahre zu liegen, im Grab zu sein, in der Nähe einer Leiche. Beim Gehen kommt Argwohn auf, und ein Impuls zu laufen entsteht, weil die Person sich verfolgt glaubt. Zugleich wirken Verfolgungsideen in das Fremde hinein: Der Ehepartner sei nicht der eigene, das Kind sei nicht das eigene, ein Fremder sei neben ihr.
Zorn, Gewalt und Reue
Der Zorn ist heftig und bricht schon bei geringster Beleidigung aus. Verzeichnet sind unanständiges, anzügliches und gewaltsames Sprechen, drohendes Sprechen, Fluchen und Schwören, das Beschimpfen selbst der besten Freunde, Zerstörungswut, die mit Furcht wechselt, und der Hass auf Menschen, die beleidigt haben. Das Verlangen zu töten richtet sich auf Menschen, die widersprechen, und die Furcht, jemanden zu töten, ist ebenso verzeichnet wie die Furcht vor dem eigenen Zorn. Eine Single-Rubrik beschreibt eine zwanghafte Bosheit, auch gegenüber geliebten Personen, und bei Kindern kommt sie während des Keuchhustens vor. Auffällig ist die Abfolge: Zorn wird von Reue gefolgt, Streitsucht ebenso, und die Person entschuldigt sich ernsthaft. Heftigkeit wechselt mit Milde, Sanftmut und Zärtlichkeit. Bemerkenswert sind auch Tierquälerei, die Unempfindlichkeit gegen Bestrafung und die Unbarmherzigkeit selbst gegenüber der engsten Familie. Die Gewalt ist kein Dauerzustand, sondern ein Ausbruch, auf den das Gewissen folgt.
Kränkung und Demütigung
Die Beschwerden durch Beschimpfung, Beleidigung, Kränkung und Demütigung (45 Rubriken zu „Beschwerden durch“) betreffen Erwachsene und Kinder; sie verbinden sich mit Empörung und kränkender Bestrafung. Das Gedächtnis leidet durch Kränkung, durch Ärger, durch Furcht, nach Sonnenstich, nach Apoplexie und nach Meningitis. Eine Single-Rubrik beschreibt ein vergebliches, ständiges Bemühen um Liebe und Anerkennung. Dazu passen Rubriken zu Verzweiflung über die Arbeit, zu Hypochondrie am Morgen und zur Spiritualität, die fehlt. Die Kränkung steht am Anfang der Spirale aus Wut, Gewalt und Reue.
Sprache und Zeit
Die Sprache ist auffallend differenziert: Die Rede ist am Nachmittag bestimmter und fester als am Vormittag, die Stimme wird nach dem Essen tiefer, Antworten sind kurz angebunden, aber korrekt, und die Sprache geht bei Amnesie verloren. Es gibt eine Abneigung gegen das Sprechen. Auch das Zeitverhältnis ist gestört, denn die Person verwechselt Gegenwart mit Zukunft. Das Essen bessert viele Zustände: Furcht, Zorn, Entmutigung und Delirium bessern sich nach dem Essen. Der Nachmittag bringt Linderung bei Stumpfheit, Vergesslichkeit und Faulheit, aber auch Zurückhaltung. Die Zeitstruktur ist ungewöhnlich genau.
Zusammenfassung
Anacardium orientale erscheint im Repertorium als ein Mittel der inneren Teilung. Zwei Willen, zwei Stimmen und zwei Existenzen ringen miteinander, Teufel und Engel reden zugleich, und die Person fühlt sich verdammt, verfolgt oder von Gott getrennt. Kränkung führt zu Wutausbrüchen, in denen das Verlangen zu töten vorkommt, doch folgt auf den Ausbruch Reue. Es ist das Bild eines Menschen, dessen Gewissen und Triebe nicht zu einer Einheit finden.
Alle Rubriken dieses Mittels, die Arzneimittellehre und die Fallarbeit finden Sie in Rathmer’s Repertorium.
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