Repertorium › Arzneimittel im Repertorium

Cannabis indica (Cann-i.)

Cannabis indica (Cann-i.) steht im Repertorium in 1.060 Rubriken. Davon sind 156 Single-Rubriken, in denen nur dieses Mittel steht, und 113 kleine Rubriken mit höchstens zwei weiteren Mitteln. Die Schwerpunkte liegen bei den Wahnideen, die mit weitem Abstand dominieren, und daneben bei der Furcht, der Zeit, dem Gedächtnis, dem Denken und der Sprache. Das Bild, das sich daraus ergibt, zeigt einen Menschen, dessen Wahrnehmung von Raum, Zeit, Körper und Identität ins Maßlose gedehnt wird und dessen Denken sich zwischen Hochgefühl und Zerfall bewegt. Ein King-Pin-Symptom ist für das Mittel nicht verzeichnet.

Entgrenzung des Körpers

Der Körper verliert seine Gestalt. Die Beine erscheinen zu lang, ein Bein gleicht einer mit Treppenstangen gefüllten Blechbüchse, die Wimpern sind verlängert, die Fingernägel scheinen so groß wie Teller, die rechte Seite ist vergrößert. Der Kopf wird zum Pendel, oder seine Teile verteilen sich auf die Ecken des Zimmers. Die Wirbelsäule gilt als Barometer, wie die Single-Rubrik „Wahnideen – Wirbelsäule sei ein Barometer“ verzeichnet. Die Entgrenzung kann ins Ganze gehen: Der Körper würde das ganze Bett oder die Erde bedecken, die Vorübergehenden dehnten sich aus, und die Person selbst schwelle allmählich an. Das Gegenteil ist ebenfalls verzeichnet, nämlich durchsichtig zu sein oder kein Gewicht zu haben. In dieselbe Richtung weist eine Angst vor dem Schweben einzelner Glieder, die zugleich als Furcht geführt wird.

Verwandlung in Dinge und Wesen

Die Identität löst sich in ungewöhnlich vielen Verkörperungen auf. Die Person hält sich für eine Giraffe, ein Nilpferd, einen Zwerg, einen Gnom oder einen Geist, für eine Lokomotive, eine riesige Säge, einen Pumpenschwengel, ein Tintenfass oder einen Spaltklotz, für eine Marmorstatue und für eine Flasche. Verzeichnet ist selbst die Überzeugung „Wahnideen – Gemüse – Existenz als Gemüse zu führen, glaubt, eine“, dazu die eines Pflanzendaseins; die Gefährten gelten als halb Mensch, halb Pflanze. Neben diesen Dingen und Tieren stehen Rollen der Macht und des Glanzes, nämlich Kaiser, Königin, Prinzessin, Befehlshaber, Himmelskörper, aber auch Jesus und die Jungfrau Maria. Darin lässt sich eine Auflösung der festen Selbstgrenze lesen, die in beide Richtungen zugleich geht, ins Geringe und ins Große.

Verdopplung und Zweifel am Dasein

Mehrfach kehrt die Verdopplung wieder: Empfindungen zeigen sich in doppelter Gestalt, es gibt zwei Existenzen, ein doppeltes Bewusstsein, und ein Teil kontrolliert den anderen. Daneben stehen der Zweifel an der eigenen Existenz und die Vorstellung einer gestaltlosen Existenz: „Wahnideen – Existenz – gestaltlose Existenz in unermesslichem Raum“. Auch die Wirklichkeit selbst wird unsicher. Die Furcht gilt dem Zwiespalt selbst: „Furcht, Phobie – Wirklichem und Unwirklichem, vor“. Die Person hält alles für unwirklich, fühlt sich in eine andere Welt versetzt oder flieht in eine Traumwelt, und zu Hause glaubt sie sich zu befinden, obwohl sie anderswo ist. Vertrautes kommt ihr fremd vor, ja lächerlich, selbst die eigene Stimme klingt fremd und scheint wie Donner zu hallen.

Zeit und Raum

Die Zeit dehnt sich. Wenige Sekunden erscheinen als Ewigkeit, so wie es die Rubrik „Zeit – langsam, scheint länger, vergeht zu – Ewigkeit zu sein, wenige Sekunden scheinen eine“ festhält; nachts verlangsamt sich der Lauf noch einmal, nahe Ereignisse erscheinen weit entfernt, und das Zeitgefühl kann ganz verloren gehen. Dem entspricht eine Wahnidee, eine Ewigkeit gelebt zu haben oder in der Ewigkeit zu sein. Der Raum zieht mit: Er dehnt sich aus, der Mensch wird in den Weltraum getragen und muss dort eine Umlaufbahn beschreiben, Wände rutschen aufeinander zu oder stürzen ein, das Zimmer zerfällt, und ein ungeheuer großer Platz zwischen hundertstöckigen Häusern tut sich auf. Ebenso häufig sind Räume der Enge, von hohen Mauern umgeben zu sein. Dazu passt die Rubrik, nach der alles übertrieben ist.

Bilder, Geräusche und Visionen

Die Sinne erzeugen eine Fülle ungewöhnlicher Bilder. Gesehen werden riesige Blumen, ein riesiger Bierkrug mit Drachenbildern, ein Ichthyosaurus, Glühwürmchen, Sterne im Teller, tanzende Satyren und nickende Mandarine, Soldaten, die schweigend vorüberziehen, und eine Horde von Tartaren. Wasser erscheint als Flut, als Überschwemmung oder als köstlicher Nektar. Die Geräusche sind nicht weniger eigenwillig: Das Heulen des Windes im Kamin klingt wie ein gewaltiges Rad, und selbst die Farben haben ein Geräusch. Die Musik wirkt überwältigend, denn sie trägt den Hörenden davon und löst Ohnmacht aus; die Single-Rubrik „Bewusstlosigkeit – Klaviermusik, beim Anhören von“ nennt den Klavierklang eigens, und auch Kerzenlicht kann bewusstlos machen. Wer Chöre hört, wähnt sich in der Kathedrale.

Nacht, Tod und Verfolgung

Der schillernden Seite steht eine dunkle gegenüber. Um Mitternacht, beim Erwachen, erscheinen dämonische Schatten aus der Hölle, tote Personen und runzelige alte Frauen, und die Person glaubt sich von eiskalten Händen erwürgt. Sie sieht einen monströsen Kopf an der Zimmerwand, hält die Welt für ein schreckliches Geheimnis oder fürchtet die Vernichtung. Es finden sich auch Rubriken der Bedrohung: Sie werde ermordet, Menschen seien bestochen worden, sie umzubringen, sie werde seziert oder liege auf einer Bahre. Die Furcht trägt entsprechende Adressaten, das Ertrinken, den Kohleneimer, die Stimme zu gebrauchen und, nicht zuletzt, die eigenen homöopathischen Arzneimittel zu antidotieren. Das Gefühl des Todes stellt sich besonders im Frost ein.

Denken, Gedächtnis und Sprache

Das Denken zeigt zwei Gesichter. Auf der einen Seite stehen erhabene Gedanken, eine Klarheit des Geistes nach dem Urinieren, Reichtum an Ideen und das Gefühl grenzenlosen Wissens, dazu schöpferische Kräfte und Hellsichtigkeit um Mitternacht. Auf der anderen stehen die Brüche: Die Gedanken sind zusammenhanglos, wenn die Person spricht, sie vergisst Gedanken, ihr entgeht, was sie gerade eben gehört hat, die Kindheit liegt im Dunkeln, und sie kann über ein Thema nicht lange nachdenken. Beim Schreiben weiß sie nicht, wie sie einen Brief beginnen soll, beim Buchstabieren grübelt sie über das kleine Wort ›wie‹ und bildet keine richtigen Worte. Das Verhalten wechselt zwischen Vernunft und Unvernunft. Die Sprache ist kloßig, wenn die Person müde ist, mit Betonung der letzten Silbe und schriller Stimme, dann wieder begeistert, vor allem wenn es um Wissenschaften geht.

Heiterkeit und Rausch

Das Gemüt ist von Hochgefühl und Lachen geprägt. Verzeichnet sind jauchzendes Frohlocken, Glückseligkeit, exzentrische Fröhlichkeit, Kalauer, ein Spaßen, das mit Ernst abwechselt, und ein Lachen bei jedem gesprochenen Wort. Das Hochgefühl hat Gegenstücke: Auf die Traurigkeit folgt Erregung, eine panische Angst ist verzeichnet, und die Person fühlt sich wie verrückt.

Zusammenfassung

Cannabis indica ist im Repertorium ein Mittel der Entgrenzung. Körper, Raum, Zeit und Selbst verlieren ihr Maß und werden zu Bildern von Riesenhaftem und Winzigem, von Ewigkeit und Augenblick. Dazwischen liegt ein Denken, das zwischen Genialität und Aussetzen schwankt, und ein Gemüt, das berauscht lacht und im nächsten Moment von der Angst vor dem Unwirklichen eingeholt wird. Vorsichtig gelesen, beschreibt das Bild einen Menschen, dem die Verankerung in der gewöhnlichen Wirklichkeit entzogen ist.

Alle Rubriken dieses Mittels, die Arzneimittellehre und die Fallarbeit finden Sie in Rathmer’s Repertorium.

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