Repertorium › Arzneimittel im Repertorium

Chamomilla vulgaris (Cham.)

Chamomilla vulgaris (Cham.) steht im Repertorium in 1.580 Rubriken. Davon sind 75 Single-Rubriken, in denen nur dieses Mittel steht, und 158 kleine Rubriken mit höchstens zwei weiteren Mitteln. Der Schwerpunkt liegt bei den Kindern (299 Rubriken), gefolgt von Zorn, Angst, Reizbarkeit, Wahnideen, Beschwerden durch bestimmte Ursachen, Ruhelosigkeit, Weinen und Stöhnen. Aus ihnen ergibt sich das Bild eines Menschen, der Schmerz und Unterbrechung nicht erträgt, mit Zorn, Klagen und Zurückweisung reagiert, dabei zugleich Zuwendung braucht und nur im Getragenwerden oder in Bewegung zur Ruhe kommt.

Das getragene Kind

Das Kinderbild ist ungewöhnlich detailliert. Das Kind ist mürrisch und will getragen werden, kann nur beruhigt werden, wenn es getragen wird, ist nur dann ruhig und weint nur dann nicht. Unter den kleinen Rubriken stehen Reizbarkeit, die das Tragen verlangt, Schlaflosigkeit, die nur durch Getragenwerden endet, Melancholie mit dem Wunsch nach Getragenwerden und Stöhnen, das im Tragen verstummt. Gleichzeitig gibt es Widersprüche: Eine Single-Rubrik hält die Abneigung fest, dabei angesehen zu werden, eine andere Gelassenheit nur auf dem Arm, eine dritte Ausgeglichenheit beim Getragenwerden. Das Kind wird steif und tritt, wenn es getragen wird; es lehnt Liebkosungen ab, ist vorlaut und wirft Spielzeug oder alles, was man ihm gibt, von sich. Bei den Säuglingen sind Herzangst, Auffahren, Konvulsionen im Anfangsstadium, gestörter Schlaf und Schreien Tag und Nacht verzeichnet. Das Bild ist das eines Kindes, das Zuwendung verlangt und sie im selben Augenblick zurückweist.

Zahnung, Schmerz und Stöhnen

Die Zahnung ist ein eigener Ankerpunkt: Verzeichnet sind Mürrischkeit, Auffahren, Furcht und Angst, schwieriges Weinen, das Verlangen, alles zu beißen, und Stöhnen während der Zahnung. Das Stöhnen (32 Rubriken insgesamt) ist ein Leitmotiv: im Schlaf, mit Zähneknirschen, bei Kolik, durch krampfhafte Schmerzen im Abdomen, durch schlechte Laune oder Verdrießlichkeit, bei Entmutigung und Ruhelosigkeit. Bei Kindern ist es ein mitleiderregendes, jämmerliches Wimmern, weil sie nicht bekommen, was sie wollen. Selbst alte, geringe und lange zurückliegende Beleidigungen werden beklagt. Der Schmerz löst Raserei und Delirium aus; Betäubung bei Schmerz, Angst bei Neuralgie, finsterer Gesichtsausdruck und die Neigung, sich während Schmerzen zu ärgern oder andere zu tadeln, gehören dazu. Der Schmerz wird nicht still ertragen, sondern verwandelt sich in Stimme, Gesten und Vorwurf.

Zorn und Ungeduld

Der Zorn (56 Rubriken) hat viele Anlässe: Näherkommen von Menschen, Unterbrechung, Schmerzen, Hitze, Krämpfe, Steifwerden mit Rückwärtsbeugung des Körpers, Erstickungsanfall, Menses und die Entbindung. Eine Single-Rubrik hält fest, dass Zorn die Milch unterdrückt; eine andere, dass das Kind nach dem Stillen Milch erbricht, wenn die Mutter zornig war. Intoleranz zeigt sich gegenüber Angesprochenwerden, Unterbrechung und den eigenen Beschwerden, bei Eltern auch gegenüber den Beschwerden ihrer Kinder. Die Ungeduld verlangt, dass der Arzt sofort heilt; die Person schickt den Arzt nach Hause und sagt, sie sei nicht krank, schickt die Krankenschwester aus dem Zimmer und lehnt Untersuchung und alles, was angeboten wird, mit Gewalttätigkeit ab. Es gibt Rubriken, nach denen die Person Familie und Essen aus dem Haus jagt, die Mutter verflucht und Speisen oder Medikamente durchs Zimmer wirft. Zorn und Gleichgültigkeit wechseln einander ab, und nach dem Zorn kann Katalepsie folgen.

Nörgeln, Grobheit und Verweilen

Neben dem Ausbruch steht die chronische Gereiztheit. Verzeichnet ist die Unzufriedenheit damit, dass alles, was andere tun, falsch ist; Grobheit; bissige, schnippische Antworten; unhöfliche Antworten, ohne dass die Person höflich sein kann; kurze, abgehackte Sprache. Zwei Single-Rubriken beschreiben, dass die Person von alten Ärgernissen nicht aufhören kann zu sprechen, und das Verweilen bei vergangenen unangenehmen Ereignissen. Dazu kommen Aufregung über alles, Lachen bei Vorwürfen, Unverschämtheit und Schweigen aus Eigensinn und Sturheit. Wer sich geärgert hat, kommt offenbar von dem Anlass nicht los.

Menses, Schwangerschaft und Geburt

Eine geschlossene Gruppe von Single-Rubriken bindet die Stimmung an Zyklus und Geburt. Vor der Menses stehen bissige Antworten, beleidigendes Verhalten, Eigensinn und Veränderlichkeit der Laune; zu Beginn der Menses Streitsucht und Mürrischkeit. Während der Entbindung treten Boshaftigkeit, Streitsucht, Ungeduld, Wut durch Schmerz, hysterisches Verhalten, nervöse Reizbarkeit und der Wunsch auf, aus dem Bett aufzustehen; nach der Geburt hält die Boshaftigkeit im Kindbett an. Bei drohendem Abort erscheinen Reizbarkeit und qualvolle Angst. Verzeichnet sind ferner die Reizbarkeit in der Schwangerschaft und Kummer, der zu Kolik führt. Auch Wochenbettfieber ist mit Erregung verbunden. Das körperliche Geschehen und die Stimmung sind eng verflochten.

Angst und Wahnideen

Die Angst ist körperlich gefärbt: Angst beim Urinieren mit Harndrang, wie bei Stuhlgang, nach dem Stillen, vor dem Wind und qualvolle Angst mit Stuhldrang und Zahnschmerzen. Eigentümlich ist die Besserung der qualvollen Angst nach dem Zubettgehen. Unter den Wahnideen finden sich Tiere unter dem Bett, Stimmen von Fremden oder Abwesenden und in unflätiger Sprache im Schlaf, ein durcheinander gehender Kopf, das Wunsch, dass Hindernisse beiseite geräumt werden, die Vorstellung, eine Ratsversammlung abzuhalten, und Ärger über Beleidigungen. Im Schlaf spricht die Person über Hindernisse, die entfernt werden müssen. Dazu gehört das Bild einer Geisteskrankheit, in der sie unbeweglich ist wie eine Statue.

Bewegung und Ruhelosigkeit

Die Ruhelosigkeit verbindet sich mit Magenbeschwerden, Zorn und Konvulsionen. Besserung bringen das Herumwerfen im Bett, das Umherwerfen und schnelles Schaukeln. Auch die Ruhelosigkeit ist damit ein Weg, Spannung abzubauen, der ohne Worte auskommt.

Zusammenfassung

Chamomilla vulgaris erscheint im Repertorium als ein Mittel der Unduldsamkeit gegenüber Schmerz, Unterbrechung und Bevormundung. Die Kinder verlangen getragen zu werden und lehnen Zuwendung zugleich ab, Erwachsene schicken Ärzte und Pflegende fort und wollen sofort geheilt werden. Zyklus, Geburt und Zahnung erscheinen als Zeiten höchster Anfälligkeit. Das Bild ist das eines Menschen, der leidet und gerade deshalb schwer zu erreichen ist.

Alle Rubriken dieses Mittels, die Arzneimittellehre und die Fallarbeit finden Sie in Rathmer’s Repertorium.

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