Repertorium › Arzneimittel im Repertorium
Gelsemium sempervirens (Gels.)
Gelsemium sempervirens (Gels.) steht im Repertorium in 972 Rubriken. Davon sind 72 Single-Rubriken, in denen nur dieses Mittel steht, und 83 kleine Rubriken mit höchstens zwei weiteren Mitteln. Die Schwerpunkte liegen bei den Rubriken zu Kindern, der Furcht, den Beschwerden durch, den Wahnideen, der Angst und der Sprache, dazu bei der Betäubung, dem Anklammern, dem Delirium und der Ruhelosigkeit. Das Bild ist das eines Menschen, der vor Erwartung, Aufregung und Überraschung die Selbstbeherrschung verliert, lähmend benommen wird und Halt sucht.
King-Pin-Symptom: Furcht vor dem Kontrollverlust
Das King-Pin-Symptom des Mittels ist die Furcht, die Selbstkontrolle zu verlieren: „Furcht, Phobie – Selbstkontrolle (Selbstbeherrschung) zu verlieren, die“. Gemeint ist die Befürchtung, in einer bestimmten Situation die Kontrolle über körperliche oder geistige Funktionen zu verlieren, so dass die Lage entgleitet. Dazu gehören eine Wahnidee gleichen Inhalts, das Gefühl, die Selbstkontrolle gleich zu verlieren, die Panik, sich nicht beherrschen zu können, und die Angst, auseinanderzufallen. Wesentliche Rubriken des Mittels lassen sich als Ausformung dieses Kerns lesen: die Erwartungsspannung vor dem Gang zum Arzt, die Angst vor dem Arztbesuch, die Furcht vor herannahenden Wehen, die Panik im Flugzeug und beim öffentlichen Sprechen. Eine Reihe von Rubriken betont, dass die Person zum Sprechen fähig wäre, aber die Schüchternheit überwiegt.
Erwartung, Überraschung, Schreck
Die Beschwerden durch Erwartung und Aufregung stehen im Vordergrund. Beschwerden entstehen durch unangenehme Überraschungen, durch Schreck, durch Kritik, durch kürzlich erlebte Enttäuschung und durch Kummer. Eine Prüfung ist Anlass für Blackout und Schreck. Mehr als beim Kummer zeigt sich die Schwäche beim Schreck: Nach ihm wird die Person schweigsam. Auch das Gewitter und der Sturm lösen Ruhelosigkeit und Schreien aus. Verzeichnet ist ein Hochgefühl durch die Erinnerung an längst Vergangenes.
Betäubung und Lähmung
Die Betäubung ist die eigentliche Antwort auf die Aufregung. Sie umfasst die Unfähigkeit, die Augen zu öffnen, Betäubung während der Entbindung und während der Wehen, bei heißem Wetter, durch schlechte Nachrichten und mit Schwere im Kopf; sie bessert sich durch reichliches Urinieren. Das Denken ist verlangsamt, die Reaktion fehlt, der Alltag erscheint unerträglich. Das Gleichgültigsein gegenüber der eigenen Krankheit und gegenüber dem eigenen Zustand gehört dazu, ebenso Teilnahmslosigkeit bei Gehirnerkrankung von Kindern mit Stupor. Die Entbindung wird vom halbbewussten Zustand begleitet, aus dem die Frau nur durch Schütteln erweckt wird, mit Sprache wie betrunken und dicker Zunge.
Anklammern und Bewegung
Die Rubrik „Klammert sich an“ zählt 21 Einträge: an Dinge, an die Mutter, an Versprechungen. Kinder greifen nach der Krankenschwester, wenn sie getragen werden, aus Angst herunterzufallen, und schreien, als hätten sie schon einen Sturz erlebt. Dazu stimmen die Furcht, getragen zu werden, zu fallen, und die Wahnidee, zu fallen, bei Kindern, ebenso die Abneigung gegen Abwärtsbewegung. Die Gegenseite ist ein Bewegungszwang: Die Person müsse sich bewegen, weil sonst das Herz stehenbleiben könnte, eine Single-Rubrik, und auch die Furcht, das Herz werde aufhören zu schlagen, wenn sie nicht in Bewegung bleibt. Wahnidee wie Furcht gelten hier dem Herzen.
Wahnideen und Entrückung
Die Wahnideen führen in die Benommenheit: Die Person sei berauscht, der Körper leichter als Luft, auch nach dem Koitus, und die Person liege in einem Grab. Die Single-Rubrik „Fühlt sich – besser, wenn sich der Geist (das Bewusstsein) außerhalb des Körpers befindet“ gehört zum selben Bereich, ebenso das Gefühl der Dualität, als wäre nicht sie, sondern jemand anderes krank. Weitere Wahnideen betreffen eine weiße Schlange, das Delirium-Werden und eine fremde Krankheit.
Sprache und Stimme
Die Sprache zeigt die Lähmung: kloßig während Konvulsionen, schwach nach Kopfschmerzen, belegt wie betrunken, dumpf bei Meningitis. Die Stimme ist schwach nach Kopfschmerzen oder guttural. Die Aphonie verschlimmert sich vor und während der Menses, und das Singen wechselt mit Sprechen.
Körperbezug und Fieber
Der Körper bleibt auch im Gemüt anwesend: Die Gemütssymptome treten bei Influenza und bei Typhus auf, das Delirium nur teilweise bei Diphtherie, bei Tonsillitis und bei der Untersuchung von Wunden. Das stille Wesen kommt während Fieber, Hitze und bei Kummer vor. Die Traurigkeit verschlimmert im Sonnenschein und im Sommer. Die Verwirrung und die Faulheit treten durch Masturbation auf, und auch ein Selbstmordgedanke bei Spermatorrhoe ist als Single-Rubrik verzeichnet.
Zusammenfassung
Gels. zeigt im Repertorium einen Menschen, der vor dem Kommenden, vor Prüfung, Arzt, Wehen und Öffentlichkeit, die Kontrolle zu verlieren fürchtet. Die Folge sind Zittern, Blackout, Betäubung und Lähmung der Sprache. Zum Halt sucht der Mensch Menschen und Dinge, klammert sich an die Mutter oder die Pflegerin, und die Furcht vor dem Fallen und vor dem Stillstand des Herzens verdeutlicht den Mangel an innerem Boden. Das King-Pin-Symptom fasst den Kern in einer Rubrik zusammen.
Alle Rubriken dieses Mittels, die Arzneimittellehre und die Fallarbeit finden Sie in Rathmer’s Repertorium.
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