Repertorium › Arzneimittel im Repertorium
Hyoscyamus niger (Hyos.)
Hyoscyamus niger (Hyos.) steht im Repertorium in 2.277 Rubriken. Davon sind 187 Single-Rubriken, in denen nur dieses Mittel steht, und 274 kleine Rubriken mit höchstens zwei weiteren Mitteln. Die Schwerpunkte liegen bei den Wahnideen, dem Delirium, den Gesten und Gebärden, der Geisteskrankheit, den Rubriken zu Kindern, dem Sprechen, dem Lachen und der Liebe. Aus ihnen ergibt sich das Bild eines Menschen, der von Misstrauen, Eifersucht und gekränktem Verlangen aus der Ordnung gerät und dessen Verhalten in groteske, enthemmte und schamlose Formen umschlägt.
Delirium und Wahnbild
Das Delirium zeigt eine Wirklichkeit, die ihre Ordnung verloren hat. Es bringt Menschen hervor, die sich zur Hochzeit rüsten, die eingebildete Fehler oder ein eingebildetes Unrecht beklagen, die einen Diebstahl vorgeworfen bekommen haben oder die Arznei verweigern. Es tritt mit Zuckungen und eckigen Bewegungen auf, mit Schleimrasseln, während der Menses oder bei drohendem Abort, im Wechsel mit Lachen und mit Pfeifen. Die Wahnideen führen die Verwirrung fort: Buchstaben sind Ameisen, Gegenstände sind Tiere, Tiere bewegen sich in einer Tasse, Menschen erscheinen grotesk, man selbst sei ein Harlekin, man jage Pfauen, verscheuche sie oder treibe sie vor sich her, man sei verkauft worden, an Ketten gefesselt, in einer Debatte oder am falschen Ort. Am deutlichsten wird die Verwechslung dort, wo ein Gegenstand zu etwas anderem wird, das sich besteigen lässt: „Wahnideen – Ofen – hält den Ofen für einen Baum – hinaufklettern, und möchte ihn“. Mit derselben Folgerichtigkeit des Wahns umarmt der Delirierende den Ofen, und bei Hitze hüllt er sich ein, wie die Rubrik sagt: „Delirium – hüllt sich im Sommer in Pelz ein“.
Furcht vor Betrug und Vergiftung
Die Furcht des Mittels hat ein klares Zentrum. Das King-Pin-Symptom lautet „Furcht, Phobie – betrogen/verraten zu werden“. Der begleitende Kommentar deutet es als Furcht, dass das Vertrauen missbraucht wird und etwas vom bisherigen Besitzstand verloren geht, eine Furcht also, die sich weniger auf die Krankheit selbst als auf deren Folgen richtet. Dazu passen die Rubriken zum Gefühl, stets betrogen und belogen zu werden, auch vom Schicksal, und zum Argwohn, vergiftet zu werden. Er verschärft sich in einer Single-Rubrik: „Furcht, Phobie – Medikamenten, vor – Gift, Medikamente seien“. Folgerichtig lehnt die Person Medizin ab und weicht allen Strategien aus, sie einzunehmen, ebenso im Wahnsinn und im Delirium. Auch angebotene Getränke fürchtet sie. Weitere Rubriken verzeichnen die Furcht, gefressen zu werden, vor allem von Tieren, die Furcht vor dem Sturz aus der Höhe und die Furcht, plötzlich die Stimme zu verlieren.
Gesten, Gebärden und Automatismen
Mit rund 75 Rubriken zu Gesten und Gebärden ist dies eines der dichtesten Felder. Beschrieben sind bizarre, eckige, klammernde und linkische Bewegungen, ein Verhalten wie berauscht oder betrunken, wie ein Schauspieler oder wie ein Affe. Die Hände greifen in die Luft, zupfen, öffnen Nüsse, ballen sich zur Faust, fangen Dinge, die nicht da sind, und spielen mit den Knöpfen der Kleidung. Bei Gehirnleiden verzeichnet das Repertorium den Griff an die Bettwäsche: „Gesten, Gebärden, macht – Hände, unwillkürliche Bewegungen der – zupft – Bettwäsche, an der – Gehirnkrankheit, bei“. Hinzu kommen das Bürsten des Gesichts, das Reiben der Nase und das Nachahmen von Tierstimmen und -bewegungen. Die Bewegungen scheinen sich vom Willen gelöst zu haben und eigene Wege zu gehen.
Nacktheit, Schamlosigkeit und Sexualität
Mit der Ordnung fällt auch die Hemmung. Das Repertorium kennt das Verlangen, nackt zu sein, bei Betrunkenheit, Manie und Hyperästhesie der Haut, während der Menses und am Morgen im Bett, das Umherstreifen im Nackten, das Entblößen der Genitalien, das Anfassen der Genitalien in der Öffentlichkeit sowie Exhibitionismus und Schamlosigkeit im Bett. Auch Kinder sind einbezogen, von heftigem Verlangen über die Schamlosigkeit bei Mädchen bis zur Neigung zur Masturbation bei Knaben. Zwei Single-Rubriken verbinden die Sexualität mit Zweck und Gegenleistung: Bestätigung über Geschlechtsverkehr suchen und mit Sexualität bezahlen. Die Entblößung zeigt hier vielleicht weniger Lust als den Verlust von Scheu und Schutz an: ein Mensch ohne Hülle, der sich ausliefert und zugleich anbietet. Dazu passt eine weitere Single-Rubrik: „Anbiedern – Gefühl, sie/er müsse sich anbiedern, um geliebt zu werden“.
Eifersucht und enttäuschte Liebe
Die Eifersucht nimmt breiten Raum ein, auch bei Männern verzeichnet, begleitet von Zorn, von unzusammenhängendem Reden, von Kummer und von unkeuschen Schimpfreden. Sie kann zum Mord treiben oder zum Wunsch, sich zu rächen, sie kann eine Katalepsie auslösen, und die Vorstellung, der Ehepartner sei untreu, steht eigens verzeichnet. Eng damit verbunden sind die Beschwerden durch enttäuschte Liebe, die in Raserei, Epilepsie, Amenorrhoe, Lachen und Suizidneigung münden, namentlich in den Impuls, sich zu ertränken oder in einen Fluss zu springen. Selbst das Lachen, auch das erzwungene, ist als Folge enttäuschter Liebe verzeichnet. Neben Furcht und Argwohn steht so ein Gemüt, das den Schmerz in sein Gegenteil kehrt.
Raserei, Stupor und Wechsel
Auch die Raserei hat ihre Eigenheiten. Sie dauert Tag und Nacht, ist kaum zu halten, kann mit Schlagen verbunden sein, mit Beißen, mit Kratzen jedes Menschen, der sich einmischt, und mit dem Verlangen, jeden zu töten, den sie sieht; zugleich ist sie im Wechsel mit Stille verzeichnet: „Raserei, Tobsucht, Wut – abwechselnd mit – Gemütsruhe, Gelassenheit“. Ähnlich wechselt die Manie mit Wahnsinn und der Wahnsinn mit Stupor. Im Stupor liegt eine eigentümliche Gegenwart: Fragen werden richtig beantwortet, ehe der Zustand zurückkehrt, so die Rubrik „Stupor – beantwortet Fragen richtig, aber der Stupor kehrt sofort wieder“. Daneben stehen Bewusstlosigkeit mit starrer Haltung wie eine Statue, Koma durch Alkohol und Fieber sowie Delirium tremens, das nach epileptiformen Anfällen auftritt oder bei dem der Kranke zurückgehalten werden muss.
Sprache und Lachen
Die Rede ist unangemessen und überschießend: irrelevant, ohne Bezug zum Thema, gesteigert bis zum Schreien, mit Worten, die einzeln laut hervorgestoßen werden und bei jedem Wort lauter werden. Es gibt Murmeln, Geschwätzigkeit über Geschäfte und Haushaltsangelegenheiten, Sprechen vom Krieg und vom Schlachten, auch im Schlaf, und anzügliche Sprache selbst beim Koitus. Das Lachen ist bei Betrunkenheit, ohne Grund, kichernd, erzwungen oder bei Tadel verzeichnet, und es wechselt mit Weinen, mit Stille und mit Singen. Ein Lachen ohne Anlass deutet auf ein Gemüt, in dem die Verbindung zwischen Anlass und Antwort gelöst ist.
Kinder
Bei Kindern (194 Rubriken) tauchen die Züge in kleinerem Maß wieder auf: Neugier, Zudringlichkeit, das Stören der Eltern im Gespräch, stereotyp wiederholte Fragen, Schnappen nach jedem, Spielen mit Schmutz und Kot, Angst vor Mobbing, Schizophrenie und das Fassen an die Genitalien bei Konvulsionen.
Zusammenfassung
Im Repertorium erscheint Hyoscyamus niger als ein Mittel, in dem Argwohn, Eifersucht und Kränkung die Beherrschung auflösen, bis das Verhalten ins Groteske, Nackte und Wilde fällt. Das King-Pin-Symptom der Furcht, betrogen zu werden, legt nahe, die Enthemmung als Folge eines zerbrochenen Vertrauens zu lesen: Wer sich fortwährend bedroht und hintergangen fühlt, gibt Haltung und Scham preis, und die Wirklichkeit, auf die kein Verlass mehr ist, verwandelt sich in Tiere, Gespenster und Ketten.
Alle Rubriken dieses Mittels, die Arzneimittellehre und die Fallarbeit finden Sie in Rathmer’s Repertorium.
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