Repertorium › Arzneimittel im Repertorium

Ignatia amara (Ign.)

Ignatia amara (Ign.) steht im Repertorium in 2.303 Rubriken. Davon sind 123 Single-Rubriken, in denen nur dieses Mittel steht, und 218 kleine Rubriken mit höchstens zwei weiteren Mitteln. Die Schwerpunkte liegen bei der Furcht, dem Kummer, dem Seufzen, den Wahnideen, den Beschwerden durch äußere Anlässe, den Farben, der Angst und dem Weinen. Aus ihnen ergibt sich das Bild eines Menschen, den ein Verlust, eine Kränkung oder ein Schreck aus der Fassung wirft und der sein Leid zunächst für sich behält, bis es sich in Seufzen, Weinen und widersprüchlichen Regungen entlädt.

Der Verlust der Fassung

Der Kern liegt im Zusammenbruch der Haltung. Das King-Pin-Symptom lautet „Fassung gebracht, verwirrt, außer“; es steht zugleich unter den kleinen Rubriken. Der begleitende Kommentar deutet es als einen Zustand, in dem die Person aus dem Gleichgewicht und der Haltung gerät, nach langem, vergeblichem Bemühen aufgibt und mit einer gewissen Empörtheit erklärt, nicht mehr zu können. Fassung bedeutet hier auch Fassade, und das Repertorium kennt diesen Gegensatz ausdrücklich: Neben einer Rubrik zur Diskrepanz zwischen äußerem und innerem Befinden steht die Single-Rubrik „Empfindsam – Gegensatz zwischen Empfindsamkeit und äußerer Stärke“. Wer nach außen gefasst bleibt, trägt innen eine Verletzlichkeit, die sich erst beim Zusammenbruch der Haltung zeigt.

Kummer, Schreck und Kränkung

Die Beschwerden haben fast immer einen Auslöser. Das Repertorium verzeichnet Beschwerden durch Kummer, durch kurz zurückliegenden Kummer, durch Schreck, auch in Verbindung mit Kummer, durch Enttäuschung, akute wie chronische, durch Kränkung und Demütigung, die mit Empörung einhergehen, durch verletzte Ehre und durch enttäuschten Ehrgeiz. Der Kummer wirkt tief in den Körper hinein: Er verursacht Chorea, Lungenentzündung, Amenorrhoe, Aphonie und Gedächtnisschwäche, und unterdrückt kann er Krämpfe auslösen, so die Rubrik „Kummer, Trauer – Epilepsie, verursacht – unterdrückter Kummer verursacht“. Dem Schreck gilt eine eigene Gruppe: das Ballen der Fäuste danach, Selbstbetrachtung, Schweigsamkeit, Angst in der Schwangerschaft, Hysterie nach dem Schreck. Der Kummer ist dabei oft still, er verschließt, macht introvertiert und lässt die Person nicht über ihr Leiden sprechen; er stellt sich nach Zorn ein und kann sich vor den Menses verstärken.

Seufzen und Weinen

Das Seufzen ist mit 19 Einträgen das Leitsymptom unter den spezifischen Rubriken: grundlos, bei Hysterie, im Alter, bei leerem Magen, pfeifend beim Einatmen, nach epileptischen Konvulsionen, bei verletztem Ehrgefühl, zu bestimmten Stunden der Nacht und des Vormittags. Es lässt sich lesen als Ausdruck eines Leids, das keine Sprache findet. Zum Weinen gehören das Weinen über Enttäuschungen, durch Erregung, hartnäckiges und kontrolliertes Weinen, und eine Single-Rubrik hält das Gegenteil fest: „Weinen – vermeiden, Verlangen, das Weinen zu“. Bei Trost verschlimmert sich die weinerliche Stimmung, und die Gesellschaft wird gemieden, wenn das Weinen sich nicht halten lässt. Auch das Lachen gehört hierher: Es tritt bei Kummer und durch Kummer auf, endet in Traurigkeit und wechselt als krampfhaftes Lachen mit Weinen.

Furcht und Angst

Die Furcht (102 Rubriken) wirkt sprunghaft und bezieht sich häufig auf den eigenen Körper. Verzeichnet sind die Furcht vor Invalidität und vor drohender Krankheit, bei deren bloßem Gedanken die Person zittert, die Furcht, nie wieder zu schlafen, vor dem Tod beim Erwachen aus dem Mittagsschlaf und vor dem Alleinausgehen, die Furcht bei Anorexie und eine Furcht, die sich plötzlich in Kummer verwandelt. Die Angst hat ihre Orte und Stunden: Im Haus bessert sie sich, außer Haus und fern von daheim verschlimmert sie sich; im Fieber kommt sie zwischen zwei und fünf Uhr mit Schlaflosigkeit. Hinzu treten Gewissensangst mit Kummer, die Angst, in einen Streit oder ein Gerichtsverfahren verwickelt zu sein, und die Angst bei Kindern nach dem Verlust eines Freundes.

Wahnideen und Visionen

Die Wahnideen sind mit 18 spezifischen Rubriken weniger zahlreich, aber bezeichnend. Im Mittelpunkt steht das Verlorene: „Wahnideen – verloren sie/er sei – alles ist verloren“. Dem entspricht ein Körper, der in Stücke zerfällt oder dessen Magen von einem Geschwür zerfressen werde, und die Vorstellung, ein Gelübde zu brechen. Zwei Single-Rubriken betreffen die Ehe: verheiratet zu sein und, nach den Menses, schwanger zu sein. Beim Einschlafen und Erwachen erscheinen Monster und Ungeheuer. Eigenartig ist die Single-Rubrik „Bühne – wie auf einer“; die Person erlebt sich gleichsam im Schauspiel, und der Blick sucht im Bett umher, als gälte es etwas zu finden. Dem stehen Rubriken wie Blindheit für die Realität und das Gefühl, keinen festen Boden zu haben, gegenüber.

Beziehung, Sehnsucht und Anpassung

In der Liebe wird die Abhängigkeit sichtbar. Das Repertorium kennt die aussichtslose Beziehung, die Unfähigkeit zu einer glücklichen und die Beziehung als einzigen Lebensinhalt: „Beziehung – Lebensinhalt, als einziger“. Dazu treten die Sehnsucht nach der idealen Frau oder dem idealen Mann, der Hunger nach Liebe, das Verlangen nach Aufmerksamkeit, das Anbiedern, das Anpassen an die Männerwelt und die Neigung, sich um einen anderen zu drehen. Beschwerden durch enttäuschte Liebe äußern sich in Amenorrhoe, Epilepsie, Atemnot, Zorn mit unzusammenhängendem Reden und in Geisteskrankheit. Eine Suizidneigung durch Ertränken ist nach den Menses verzeichnet. Wo die Beziehung so viel trägt, trifft ihr Verlust das ganze Dasein.

Zorn, Reue und Selbstvorwurf

Dem stillen Kummer steht der Zorn (48 Rubriken) als Gegenpol gegenüber. Er entsteht durch Widerspruch und Tadel, durch Stocken der Blutung und dadurch, dass Gegenstände nicht am richtigen Platz liegen. Die Raserei richtet sich auf eigene Fehler. Das Mittel ist schnell im Handeln, hastig und zu Fehlern geneigt, besonders beim Sprechen und Schreiben; gerade das Schreiben gelingt nicht so schnell, wie es soll. Es folgt Reue, auch noch spät und nach den Menses, mit dem Bereuen der eigenen Handlungen, dem Beschuldigen anderer und dem Tadel gegen sich selbst. Eine Single-Rubrik schildert die Haltung des Duldens: „Milde – beklagen, erträgt Leiden, sogar Gewalttaten, ohne sich zu“. Duldsamkeit und plötzliches Aufbrausen, bis hin zum schnellen Ausflippen, spiegeln die Gemütslage zwischen Zurückhaltung und Entladung.

Hysterie, Menses und Farben

Hysterie ist mehrfach verzeichnet: seit der Entbindung, nach Schreck, wegen Kleinigkeiten, bei spärlichen oder ausbleibenden Menses. Viele Rubriken gehören in die Zeit der Menses und der Entbindung, vom Auffahren bis zur Hast. Eigens zu nennen ist der Block der Farben: Blau, Grün, Rot und Schwarz bessern, Zitronengelb wird von Frauen begehrt, Grau und Dunkelbraun werden abgelehnt, und dunkles Grün oder Purpur verschlimmern die Reizbarkeit. Die Farbe erscheint als Wirkung auf die Stimmung, nicht als bloße Vorliebe.

Zusammenfassung

Ignatia amara zeigt im Repertorium ein Gemüt, das auf Verlust und Kränkung nicht mit einer einzigen Antwort reagiert: Es schweigt und seufzt, es weint oder wehrt das Weinen ab, es lacht und braust auf, es klammert und zieht sich zurück. Das King-Pin-Symptom, außer Fassung zu sein, gibt dem Ganzen seinen Ort. Alle Widersprüche gehören zu einem Menschen, dessen Haltung dem Anprall nicht standhält und der sich dann zwischen Empfindsamkeit, Empörung und Verzweiflung nicht mehr fassen kann.

Alle Rubriken dieses Mittels, die Arzneimittellehre und die Fallarbeit finden Sie in Rathmer’s Repertorium.

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