Repertorium › Arzneimittel im Repertorium

Lilium tigrinum (Lil‑t.)

Lilium tigrinum (Lil‑t.) steht im Repertorium in 615 Rubriken. Davon sind 38 Single-Rubriken, in denen nur dieses Mittel steht, und 40 kleine Rubriken mit höchstens zwei weiteren Mitteln. Die Schwerpunkte liegen bei den Wahnideen, der Furcht, den religiösen Gemütsstörungen, der Traurigkeit und der Sexualität, dazu bei Eile und Hast, beim Grübeln und bei der Reizbarkeit. Das Bild ist das eines Menschen im Konflikt zwischen strengem Gewissen und unterdrücktem Verlangen, der rastlos beschäftigt ist, um sich nicht mit sich selbst auseinandersetzen zu müssen.

Religion und Sexualität

Der Kern des Mittels liegt in der Spannung zwischen den religiösen Idealen und der Sexualität. Das Repertorium führt dazu eine Single-Rubrik: „Religiöse Gemütsstörungen – beschäftigt zu sehr mit Religion – Sexualität, Konflikt zwischen den religiösen Idealen und der“. Die religiöse Beschäftigung wechselt mit sexueller Erregung, die Verzweiflung am Seelenheil ebenfalls, und die Person zweifelt an der Erlösung, quält sich deswegen und verzweifelt. Die Furcht vor moralischer Verfehlung wechselt mit sexueller Erregung. Die Wahnidee, verdammt zu sein, um die eigenen Sünden und die der Familie büßen zu müssen, ist nur diesem Mittel zugeordnet, ebenso die Vorstellung, von einem Dämon besessen zu sein. Das strenge Gewissen und der Trieb stehen einander nahezu gleichrangig gegenüber.

Das unterdrückte Verlangen

Das sexuelle Verlangen erscheint in mehreren Single-Rubriken als Quelle von Zuständen: Raserei durch unterdrücktes Verlangen, wildes Gefühl im Kopf durch Unterdrückung, Zorn nach sexueller Erregung, Traurigkeit, die mit sexuellem Verlangen wechselt, und Wollust, die mit Reue oder Zorn wechselt. Die Demenz tritt durch sexuelle Exzesse auf, falsche Worte nach Samenabgang. Die Angst vor sexueller Annäherung steht daneben. Eine Rubrik beschreibt, dass Geschäftigkeit gerade dazu dient, das sexuelle Verlangen zu unterdrücken: „Geschäftig – muss in geschäftiger Tätigkeit sein – sexuelle Verlangen zu unterdrücken, um das“. Das Mittel zeigt damit den Preis der Beherrschung deutlich.

Hast und Beschäftigung

Eile und Hast erscheinen in zwei parallelen Hauptrubriken. Sie gehen ziellos hin und her, weder Denken noch Lesen macht Freude, und sie sind wie durch dringende, zwingende Pflichten bedingt. Die Rastlosigkeit ist daher eher Flucht als Zielstrebigkeit. Dazu gehören die Konzentrationsschwäche beim Studieren mit einem wilden Gefühl im Kopf, eine Vergesslichkeit, die sich durch Ablenkung bessert, und eine Langeweile, die mit Unterhaltung nachlässt. Bewegungen sind dabei präzise. Eine Rubrik beschreibt das Verlangen nach schöner Kunst, Gedichten, Versen und Reimen.

Grübeln und eingebildetes Unglück

Das Grübeln gilt dem, was nicht ist: der eingebildeten Krankheit und eingebildeten Problemen. Die Person sitzt und denkt über eingebildetes Unglück nach, und die Wahnidee des untröstlichen Kummers über Unglück, das nicht besteht, gehört ebenfalls dazu. Eine Single-Rubrik hält fest, dass sie nach etwas sucht, um sich Kummer zu bereiten, über das sie sich grämen kann. Es handelt sich offenbar um einen Menschen, der innere Leere mit selbstgemachten Sorgen füllt. Damit stimmen die Furcht vor unentdeckter Krankheit und die Traurigkeit mit Furcht vor Krankheit überein; Trost verschlimmert bei Uterusaffektionen mit Geistesstörung.

Kränkbarkeit und Reizbarkeit

Die Reizbarkeit hat eigene Auslöser: Sie steigt beim Ansprechen und beim Uterusprolaps. Single-Rubriken zeigen, dass die Person Ratschläge als Kritik auffasst und Schmeichelei ablehnt. Hinzu kommen eine angriffslustige Haltung und das Aufgebrachtsein. Die Traurigkeit schiebt die Schuld auf andere. Die Wahnideen führen auf Zugehörigkeit zurück: Die Familie würde nicht mit ihr zurechtkommen, man sei verlassen, und keiner würde sich kümmern. Gleichzeitig steht die Wahnidee, alles würde von ihr abhängen.

Furcht und Körper

Die Furcht richtet sich auf Krankheit, auf das Geschäft, auf den Uterusprolaps, auf das Fallen im Zimmer und auf moralische Entgleisung. Geschäftliche Sorgen führen zu Demenz, geschäftlicher Misserfolg zu Geisteskrankheit. Die Gemütssymptome wechseln mit Herz- und mit sexuellen Beschwerden, und eine kleine Rubrik beschreibt die bipolare Störung bei hormonellen Beschwerden. Daneben steht das Verlangen nach luxuriöser, prächtiger Kleidung. Das verrückte Gefühl tritt auf, wenn die Person sich nicht stark zusammenreißt; die Wahnidee, geisteskrank zu werden, tritt auf, wenn sie sich nicht festhält oder nicht aus ihrem Körper herauskommt.

Zusammenfassung

Lil‑t. zeigt im Repertorium einen Menschen, der zwischen Frömmigkeit und Erregung, Reue und Zorn, Traurigkeit und Verlangen hin- und herpendelt. Das strenge Gewissen verlangt Beherrschung, das unterdrückte Verlangen äußert sich in Raserei, Zerstreuung und wildem Kopfgefühl, die Hast dient der Ablenkung, das Grübeln über eingebildetes Unglück füllt die Leere. Die Kränkbarkeit gegenüber Rat und Kritik und das Gefühl, verlassen oder verdammt zu sein, bilden die soziale und religiöse Außenseite desselben Konflikts.

Alle Rubriken dieses Mittels, die Arzneimittellehre und die Fallarbeit finden Sie in Rathmer’s Repertorium.

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