Repertorium › Arzneimittel im Repertorium
Lycopodium clavatum (Lyc.)
Lycopodium clavatum (Lyc.) steht im Repertorium in 3.023 Rubriken. Davon sind 204 Single-Rubriken, in denen nur dieses Mittel steht, und 273 kleine Rubriken mit höchstens zwei weiteren Mitteln. Die Schwerpunkte liegen bei den Kindern, die in der Gesamtzahl mit 461 Rubriken vorn stehen, bei der Furcht, der Angst, den Beschwerden durch Kränkung und Enttäuschung, den Wahnideen und den Fehlern in Sprache und Schrift. Aus diesen Rubriken ergibt sich das Bild eines Menschen, der nach außen Autorität, Ehrgeiz und Überlegenheit zeigt und innen von Unsicherheit und Furcht vor dem Versagen bedrängt wird.
Der Ehrgeiz und das Ziel
Der Kern liegt in einem Ziel, das zugleich Antrieb und Last ist. Als King-Pin-Symptome nennt das Repertorium zwei Rubriken: „Ehrgeiz – erhöht, vermehrt, sehr ehrgeizig – Mittel ein, setzt alle erdenklichen“ und „Furcht, Phobie – Ziel nicht erreichen zu können, ihr/sein“. Sie gehören zusammen wie Anspruch und Zweifel. Der Mensch setzt alle Mittel ein, um seine Bestimmung zu verwirklichen, und fürchtet gerade deshalb, daran zu scheitern. Dazu passen die Single-Rubriken, die den Willen zum Beweis, das Ringen um Anerkennung und die Angst vor Machtverlust festhalten; nur Lycopodium steht bei „Macht – Machtverlust, Angst vor“. Die kleinen Rubriken führen die Beschwerden durch enttäuschten Ehrgeiz an, den Verlust des Ehrgeizes nach Entmutigung und das Gefühl, dass das Leben ein ewiges Examen sei: „Leben – Examen, Gefühl, das Leben sei ein ewiges“.
Herrschaft und Fassade
Nach außen tritt dieser Anspruch als Herrschaft auf. Die Rubriken verzeichnen despotisches, diktatorisches und gebieterisches Wesen, das Beanspruchen von allem für sich, den Hang, andere gegeneinander auszuspielen oder andere arbeiten zu lassen, Besserwisserei und Verachtung. Sie zeigen auch, wie die Haltung gestützt wird: durch Äußerlichkeiten, die an die Stelle innerer Sicherheit treten („Äußerlichkeiten – äußere Insignien anstelle von innerer Selbstsicherheit“), durch Aufgeputztsein, Heikelkeit im Erscheinungsbild und Prahlen mit Vorfahren, Potenz und Heldentaten. Die Person will bewundert werden, statt geliebt zu sein, und sie gibt alles, wenn man ihr schmeichelt. Was dahinter liegt, verrät die Single-Rubrik „Hochmütig, arrogant, überheblich – abwechselnd mit – Feigheit“: Die Überlegenheit kippt in Feigheit, und das Diktatorische wechselt ebenso mit ihr wie die Selbstsucht. Wo sie sich schwach fühlt, gibt sie sich nicht preis, denn die Unsicherheit wird maskiert, die Angst überspielt, die eigene Schwäche nicht gesehen.
Furcht vor Beobachtung und Entlarvung
Die Furcht ist breit gefächert und richtet sich auf das, was die Fassade gefährdet. Verzeichnet sind die Angst, beobachtet zu werden, vor Entlarvung, vor neuen Bekanntschaften, vor Begegnungen und davor, ausgeliefert zu sein; dazu kommen Blamage, Erwartungsspannung und die Furcht vor öffentlichem Sprechen, das die Person zwar bewältigt, doch nur unter Panik. Beobachtung bringt das Gesicht zum Erröten. Die Furcht nimmt auch Alltägliches in Beschlag, am deutlichsten in der Single-Rubrik „Furcht, Phobie – Klingeln der Türglocke, vor dem“. Neben der Angst vor dem Alleinsein steht der Wunsch, allein zu sein. Man kann darin einen Menschen lesen, der Nähe fürchtet, weil sie ihn sichtbar macht, und Einsamkeit, weil sie ihn preisgibt.
Kränkung und Gefühl
Wo die Fassade verletzt wird, folgen die Beschwerden. Die Single-Rubriken nennen die Angst nach Demütigung und Kränkung, Weinen, wenn ihr nicht gedankt wird, und Weinen bei Undankbarkeit. Die Person kann Gefühle empfinden, aber nicht äußern, und sie geht über Gefühle hinweg. Eine Single-Rubrik hält fest, dass sie sich Verantwortung wünscht abzugeben, andere Rubriken, dass sie Autoritäten aufsucht und autoritätsgläubig ist. Das Verhältnis zu den nächsten Menschen bleibt gebrochen: Die Person kann sich zu keiner verbindlichen Beziehung durchringen, und ihre Rubriken verzeichnen Boshaftigkeit gegenüber den Geliebten.
Kinder
Die Kinderrubriken bilden das größte Feld. Hier kehrt das Doppelgesicht wieder, etwa in der Single-Rubrik „Kinder, allgemein – herrisch, doch dabei versteckt schutzbedürftig und ängstlich“. Es gibt Kinder, die zu Hause schwierig, in der Schule aber normal sind, die plötzlich still und tatenlos werden, die Fragen mit Schweigen beantworten oder ihre Arbeit hinauszögern. Das Kind ist ängstlich um seine Sicherheit, es stottert am Ende des Satzes, und das Neugeborene runzelt die Stirn. Für die Erwachsenen verzeichnet das Repertorium als Gegenstück, dass sie ihre eigenen Kinder fliehen.
Sprache, Lesen und Gedächtnis
Eine auffällige Gruppe betrifft das Sprechen und Schreiben. Die Person vertauscht beim Sprechen Buchstaben, benutzt falsche Worte bei Verdauungsstörung, stottert bei den letzten Worten eines Satzes und kann einen soeben geschriebenen Brief nicht lesen. Das Gedächtnis verliert Buchstaben, Farben und Musik. Die Sprache ist morgens belegt und undeutlich. Auch das Denken zeigt Gegensätze: Es gibt das Blitzgescheite, das Dialektische und Altkluge, daneben die Fähigkeit, sich alles anzueignen, und die Abneigung gegen das Denken am Abend.
Wahn, Nacht und Erwachen
Die Wahnideen führen in die Nacht. Verzeichnet sind Bilder und Phantome im Schlaf, Musik, die am Tag gehört wurde und abends im Kopf nachklingt, das Gefühl, das Bett sinke nach unten, und die Vorstellung, arm zu sein, ohne es zu zeigen. Das Erwachen ist besonders belastet: mit Unentschlossenheit, Ungeduld, Streitsucht, unangenehmen Gedanken, Gedanken an den Tod und Lebensüberdruss im Bett am Morgen. Selbst im Schlaf knurrt und bellt die Person.
Zusammenfassung
Lycopodium zeigt im Repertorium einen Menschen, der sich über Ziele, Rang und Haltung definiert und dessen Stärke von der Furcht lebt, ihr nicht zu genügen. Kränkung und Entlarvung treffen ihn härter, als die Fassade erkennen lässt; die Spannung entlädt sich in Herrschsucht, Rückzug oder körperlicher Beschwerde. Schon im Kind zeigt sich das Muster eines herrischen, zugleich schutzbedürftigen Wesens.
Alle Rubriken dieses Mittels, die Arzneimittellehre und die Fallarbeit finden Sie in Rathmer’s Repertorium.
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