Repertorium › Arzneimittel im Repertorium
Medorrhinum (Med.)
Medorrhinum (Med.) steht im Repertorium in 1.376 Rubriken. Davon sind 100 Single-Rubriken, in denen nur dieses Mittel steht, und 115 kleine Rubriken mit höchstens zwei weiteren Mitteln. Die Schwerpunkte liegen bei den Kindern (233), den Wahnideen, der Furcht, den Beschwerden durch bestimmte Ursachen, der Angst, den Fehlern und dem Gedächtnis; dazu treten Eile, Ruhelosigkeit und Erregung. Aus ihnen ergibt sich das Bild eines Menschen, der gehetzt und unfertig lebt, die Zeit verzerrt erlebt, sich in der Nacht belebt und nachts von Beobachtung und Berührung bedrängt wird, dabei Grenzen überschreitet und die Folgen verdrängt.
Eile, Fehler und Zeit
Die Hast durchzieht das Mittel in vielen Rubriken: Eile am Morgen, bei Kindern, bei Kleinigkeiten, dazu der Satz, dass die Person nicht denken kann, wenn sie zur Eile getrieben wird. Folgen sind Fehler: bei den Hausaufgaben aufgrund von Eile, beim Buchstabieren, beim Schreiben, während Kopfschmerzen, in Bezug auf die Zeit. Das Zeiterleben ist verschoben. Eine Single-Rubrik hält fest, dass die Zeit zu schnell vergeht und heute Getanes eine Woche zurückzuliegen scheint; als kleine Rubrik erscheint, dass baldige Ereignisse weit entfernt wirken. Ähnlich ist das Gefühl, weit weg zu sein, Benommenheit wie in der Ferne, ein Leben, das unwirklich erscheint, und Trance. Die Arbeit zeigt ein charakteristisches Muster: methodisch anfangen und chaotisch enden, lange Aufschieben, Stehen-Bleiben ohne Vollendung und zugleich Arbeitssucht. Wer sich hetzt, verliert Zeit und Übersicht.
Die Nacht als Zeit der Belebung
Zahlreiche Rubriken verlegen Leichtigkeit und Ausgelassenheit in die Nacht: Hochgefühl und Beschwingtheit nachts, leichte Arbeit und leichte geistige Anstrengung nachts, Ernsthaftigkeit am Tag und Überschwang in der Nacht, Verlangen nach Licht nachts, Umherlaufen auf den Straßen bei Nacht, Besserung der Stumpfheit nachts. Zugleich ist die Nacht die Zeit der Bedrängnis, denn die meisten Wahnideen finden nachts statt (siehe unten), und eine Single-Rubrik nennt das Verlangen, sich zu töten: Die Person steht nachts auf und nimmt die Pistole. Kinder sind den ganzen Tag über gereizt und die Nacht hindurch brav und angenehm, so zeigen es zwei kleine Rubriken. Es scheint sich um einen Menschen zu handeln, dessen Tag und Nacht ihre Rollen tauschen.
Wahnideen der Beobachtung und der Berührung
Von den 88 Wahnideen sind 36 spezifisch, und eine große Gruppe betrifft das Gefühl, beobachtet zu werden. Verzeichnet sind Menschen, die die Person ansehen, anhaltend beobachtet werden nachts, Gesichter, die hinter dem Bett oder aus den Ecken hervorblicken, Schritte und Flüstern hinter der Person, eine Stimme, die „komm“ sagt, und ein Mensch, der hinter einem spricht. Es folgen Berührungen: Eine Hand streichelt zart den Kopf, der Kopf werde berührt oder gestoßen, jemand streichle ihn. Dazu kommen große Ratten im Zimmer, die Wahrnehmung von Klängen als verdoppelt und pfeifend, die Vorstellung, dass jemand anderes an der eigenen Seite denkt, und Gegenstände, die nicht existieren. Eine Single-Rubrik beschreibt die Wahnidee, ein unverzeihliches Verbrechen begangen zu haben und deshalb in die Hölle zu kommen, eine andere, dass etwas Schreckliches geschehen sei, eine dritte das Gefühl der Folter, von der der Geist befreit werden müsse. Die Welt ist weniger bedrohlich im Sinne von Gefahr als im Sinne von Anwesenheit.
Furcht und Schreck
Die Furcht richtet sich auf das Aufsehen und auf Dunkelheit. Verzeichnet sind die Furcht, Aufsehen zu erregen, die Furcht vor Monstern in der Dunkelheit, die Furcht, dass aus jeder Ecke etwas hervorkriecht, die Furcht vor Haien, vor kalter Luft und die Furcht vor dem Schwimmen in tiefem Wasser. Bei Kindern kommt die Angst vor unheimlichen Wassertieren wie Haien und Kröten hinzu. Beim Sprechen steht bei Kopfschmerzen die Furcht, etwas Falsches zu sagen. Eine Erwartungsspannung mit Vorahnung ist als Single-Rubrik festgehalten: Die Person spürt Angelegenheiten, bevor sie eintreten, und liegt meist richtig. Die Furcht gilt weniger dem Sterben als dem Bloßgestelltsein und dem Kriechenden im Verborgenen.
Grenzen und Maßlosigkeit
Ein zweites großes Thema ist das Überschreiten. Single-Rubriken führen an, dass die Person eigene Grenzen überschreitet, sich ausleben muss, vieles begehrt, alles übertreibt, offen aggressiv sein kann und sich auf Kosten anderer amüsiert. Dazu gehören leidenschaftliche Beziehungen, schnelles Anmachen, Neugier als Grund für Homosexualität, das Verlangen nach psychotropen Drogen in der Pubertät und der Gedanke an Sexuelles, sobald eine Frau erscheint. Auch das Abstreiten eigener schlechter Eigenschaften und das Bewundern der eigenen Person sind verzeichnet. Kleinere Rubriken führen Alkoholismus bei Diabetes oder aus Schüchternheit an, Co-Alkoholiker, Abenteuerlust, das Aufblasen und den Aufsteiger. Eine auffällige Gleichgültigkeit zeigt sich in Fragen der Religion: Ob die Person in den Himmel oder die Hölle kommt, ist ihr egal und macht ihr keine Sorgen, so mehrere Single-Rubriken; zugleich betet sie ständig, selbst beim Erbrechen, und predigt laut. Die moralische Spannung ist unübersehbar.
Kinder
Bei den Kindern fallen mehrere Linien auf. Zum einen die Bosheit und Zerstörung: Die Kinder zerstören alles, was ihnen in die Finger gerät, bedrohen die Eltern, schlagen den Vater und zerkratzen sein Gesicht, treten Haustiere aus Bosheit, quälen Tiere und provozieren Streit oder Bestrafung. Auch Orangensaft löst Bosheit aus. Zum anderen die Weichheit: Sie weinen oder schreien aus Sympathie und zeigen Besitzansprüche gegenüber einem Elternteil. Verzeichnet sind weiter das plötzliche Nachlassen der Aufgewecktheit, wobei das Kind still und tatenlos wird, kümmerliches Wachstum, Unaufmerksamkeit beim Lernen und Masturbation bei Jungen. Auch Tadel verstärkt die Bösartigkeit, während Ermahnungen verschlimmern. Das Kinderbild zeigt Widerspruch und Destruktivität neben einer überempfindlichen Seite.
Empfindsamkeit und Natur
Neben der Aggression steht eine ausgeprägte Empfänglichkeit für Schönheit. Single-Rubriken führen Empfänglichkeit für Blumenduft, Überempfindlichkeit gegen Blumen und gegen Schönes und Nettes und Ekstase beim Anblick einer Blume an. Kleinere Rubriken nennen die Empfindlichkeit für die Natur und Naturobjekte, die Sorge um die Natur und die Empfindlichkeit gegen Musik. Eine Single-Rubrik verzeichnet zudem die Klarheit der Gedanken und die Fähigkeit, sie zu vermitteln. Ekstase wechselt mit Traurigkeit, und ein schroffes oder strenges Wort macht traurig. Die Sinne und das Gefühl sind offen, die Selbstdisziplin dagegen ist gering.
Zusammenfassung
Medorrhinum erscheint im Repertorium als ein Mittel der Hast und der Verzerrung. Zeit und Wirklichkeit verschieben sich, Arbeit bleibt unvollendet, und der Tag ist von Eile und Fehlern, die Nacht von Leichtigkeit und zugleich von Beobachtung und Berührung durch Unsichtbares bestimmt. Die Person überschreitet Grenzen, fürchtet aber das Aufsehen und kümmert sich nicht um ihr Seelenheil, während die Kinder zwischen Zerstörung und Mitgefühl wechseln. Das Bild ist das einer ungebremsten, zugleich ungeschützten Lebendigkeit.
Alle Rubriken dieses Mittels, die Arzneimittellehre und die Fallarbeit finden Sie in Rathmer’s Repertorium.
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