Repertorium › Arzneimittel im Repertorium
Mercurius solubilis Hahnemanni (Merc.)
Mercurius solubilis Hahnemanni (Merc.) steht im Repertorium in 1.722 Rubriken. Davon sind 96 Single-Rubriken, in denen nur dieses Mittel steht, und 89 kleine Rubriken mit höchstens zwei weiteren Mitteln. Die Schwerpunkte liegen bei den Wahnideen, der Neigung zum Suizid, dem Verlangen zu töten, der Furcht und dem Delirium; dazu kommt eine große Gruppe von Rubriken zu Kindern. Das Bild ist das eines Menschen, den innere Unruhe treibt und der die Wahrheit nicht für sich behalten kann. Wo die Selbstbeherrschung nachlässt, treten Gewaltimpulse, nächtliche Angst und Wahnbilder von eigentümlicher Hartnäckigkeit hervor.
Rastlosigkeit
Der Grundzug ist die Bewegung ohne Ziel. Das Repertorium verzeichnet eine Person, die „Quecksilber – quecksilbrig, rastlos“ ist, schon nach geringster Anstrengung unruhig wird und beständig ungeduldig bleibt. Sie geht hin und her, ihr Wille ist unstet, und es gibt ein fast unkontrollierbares Verlangen, weit wegzureisen. Das Fliehen erscheint in mehreren Gestalten: nach einem Schreck aus dem Haus, nachts mit Angst, und aus Furcht, ein Verbrechen begangen zu haben. Daneben steht eine Fülle von Gedanken, tausend Ideen, die einander verdrängen. Man kann darin eine Rastlosigkeit lesen, die nicht auf etwas zustrebt, sondern von etwas wegführt.
Wahrheit und Aufrichtigkeit
Auffallend ist die Haltung zur Wahrheit. Mehrere Single-Rubriken halten fest, dass die Person nach der Wahrheit sucht, einen Instinkt für sie besitzt und sie aussprechen muss: „Wahrheit – aussprechen, muss die“. Unaufrichtigkeit löst Zorn und Wutanfälle aus. Die Kehrseite benennt eine weitere Single-Rubrik: „Unbeliebt – wegen Direktheit“; dazu gehören die Rubriken undiplomatisch und unbequem. Die Person beobachtet scharf, argumentiert und handelt autonom, sie kann abstrahieren und ist engagiert für Unterdrückte und Schwache. Zugleich wittert sie Täuschung: Das Gefühl, ausgetrickst zu werden, und das Austricksen selbst sind verzeichnet, außerdem ein beleidigendes Misstrauen und die Erwartung bedingungsloser Zustimmung. Der Tadel richtet sich gegen Eltern, Lehrer und Freunde, aber ebenso gegen die eigene Person, und eine Single-Rubrik nennt eine übermäßige, extreme Reue.
Gewalt gegen andere und gegen sich selbst
Der Abschnitt mit dem schwersten Gewicht sind die Rubriken zu Töten und Suizid. Der Impuls zu töten richtet sich gegen Menschen, die widersprechen, kann aus einer geringfügigen Beleidigung plötzlich aufsteigen und tritt während der Menses oder mit hysterischer Traurigkeit auf. Am Beispiel des geliebten Ehepartners zeigt das Repertorium, dass die Person den Impuls selbst fürchtet: Sie bittet, das Rasiermesser zu verstecken. Der Anblick eines Messers oder Gewehrs löst das Verlangen aus, zu töten, und er löst auch die Furcht vor dem Suizid aus: „Furcht, Phobie – Selbstmord, vor – Messer, mit einem“. Die Suizidneigung ist fein gegliedert: mit scharfen Waffen, bei Kopfschmerzen, während der Menses, mit Manie, durch Verhungern, und sie bessert sich beim Weinen. Wer so gespalten ist zwischen Impuls und Abwehr, lebt offenbar in beständiger Gefahr vor sich selbst; dazu fügt sich der Widerwille gegen sich selbst, der kein Verlangen lässt, mit sich zu leben.
Furcht und Nacht
Die Furcht nimmt viel Raum ein, und sie ist an die Nacht gebunden. Verzeichnet sind Angst und Furcht nachts mit dem Verlangen zu fliehen, Furcht vor Räubern beim Erwachen, leichtes Erschrecken vor Mitternacht und Furcht mit Kummer. Die Furcht vor Unrecht, vor dem Begehen eines Unrechts, ergänzt das Motiv der Wahrheit: Die Person fürchtet, selbst schuldig zu werden. Dazu gesellen sich Angst bei Schweiß und die Angst vor dem Erscheinen eines Exanthems.
Wahnideen
Unter den Wahnideen (97, davon 22 spezifisch) stehen Gespenster und Gestalten in der Nacht, ein sich erhängender Mann, Tiere, die einen anspringen, Nadeln, die gesehen werden, und fließendes Wasser. Dem Körper gelten ungewöhnliche Vorstellungen: aus Süßigkeiten gemacht zu sein, geistig und körperlich krank zu sein, in die Länge zu wanken, sobald man liegt. Nachts kriecht Lebendiges in den Mund oder die Vagina. Eine Rubrik verzeichnet das Erleiden von Höllenqualen: „Wahnideen – Hölle – erleidet Höllenqualen, ohne es erklären zu können“. Die Person erleidet das Bild also, ohne es sich deuten zu können. Manche Rubriken sind von seltsamer Handlungsnähe: Einer heizt im Sommer den Ofen an, ein anderer fasst Personen an der Nase.
Delirium und enthemmtes Verhalten
Im Delirium wird das Verhalten roh. Verzeichnet sind das Aufleckverlangen für Dinge und für Kot, das Verschmieren von Kot auf dem Boden, das Spucken auf den Boden mit anschließendem Auflecken und das Hineinstecken von Steinen in den Mund: „Delirium – Mund – steckt Steine in den“. Hinzu kommen unwillkürliche Handbewegungen, die nach der Nase von Umstehenden greifen, und das Ziehen an der Nase von Fremden. Auch das Auseinandernehmen von allem gehört hierher. Diese Rubriken zeigen eine Person, bei der die Grenze zwischen Eigenem und Fremdem, Genießbarem und Ungenießbarem aufgehoben ist.
Kinder, Sprache und Gedächtnis
Bei den Kindern (176 Rubriken) stehen ein Kind, das alles in den Mund steckt und schluckt, schwierige Zahnung mit Wurmerkrankung, Stottern geistig zurückgebliebener Kinder, die Unfähigkeit, Schreiben zu lernen, und ein älteres Kind, dem die Einsicht fehlt. Die Sprache ist eilig, stotternd und in kurzen Silben, krampfartig; wer eilig spricht, antwortet doch langsam. Das Gedächtnis betrifft vor allem Zeit und Ort, und es gibt die Rubrik der Person, die vergisst, wohin sie geht, und sich nicht anziehen kann.
Zusammenfassung
Das Repertorium zeigt bei Merc. einen Menschen, der sich nicht im Gleichgewicht halten kann: rastlos in Gedanken und Handeln, kompromisslos in der Wahrheit, bedroht von Impulsen, die er selbst fürchtet. In der Nacht und im Delirium zerfallen die Grenzen, und das Beherrschte schlägt in Wahnbild und Enthemmung um. Vor diesem Hintergrund erscheint die Unbeirrbarkeit in der Wahrheit auch als Versuch, einen festen Punkt zu behalten.
Alle Rubriken dieses Mittels, die Arzneimittellehre und die Fallarbeit finden Sie in Rathmer’s Repertorium.
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