Repertorium › Arzneimittel im Repertorium

Natrium muriaticum (Nat‑m.)

Natrium muriaticum (Nat‑m.) steht im Repertorium in 2.554 Rubriken. Davon sind 101 Single-Rubriken, in denen nur dieses Mittel steht, und 232 kleine Rubriken mit höchstens zwei weiteren Mitteln. Die Schwerpunkte liegen bei den Kindern, der Furcht, den Beschwerden durch Kummer und Enttäuschung, den Wahnideen, der Angst, der Traurigkeit und dem Weinen. Aus ihnen ergibt sich das Bild eines Menschen, der Verletzungen nicht loslässt, Trost zurückweist, sich zurückzieht und seine Gefühle unter strenger Beherrschung hält, während sie nachts und im Halbschlaf hervortreten.

Kummer und Enttäuschung

Der Kern liegt im Nachwirken. Die Beschwerden durch Kummer, Tod geliebter Personen, Kränkung, Bestrafung und enttäuschte Liebe sind in großer Zahl verzeichnet, und eine Single-Rubrik hält fest, dass auch eine längst zurückliegende Enttäuschung noch Beschwerden auslöst: „Beschwerden durch – Enttäuschung – alte, zurückliegende Enttäuschung“. Die Person kommt nicht davon los. Sie verweilt bei vergangenen unangenehmen Ereignissen, bei Enttäuschungen und bei der eigenen Kindheit, und sie tut es mit dem Grämen als Zweck: „Verweilt – vergangenen unangenehmen Ereignissen, bei – grämen, um sich darüber zu“. Der Kummer wirkt auf den Körper, auf Haare, Mundschleimhaut, Beine, Stimme und Lichtempfindlichkeit, und auch das Hinterbleiben eines Todesfalls nach dem anderen ist verzeichnet. Die Rubriken legen nahe, dass hier weniger ein einzelnes Ereignis zählt als die Art, wie es innerlich bewahrt wird.

Trost, Mitleid und das Leiden als Besitz

Dem Trost wehrt sich die Person. Sie lehnt freundliche Worte bezüglich des eigenen Unglücks ab, und wird durch Trost sogar wütender oder trauriger („Trost – verweigert – Unglück, über ihr/sein eigenes“). Mitleid fürchtet sie, und sie hat die Wahnidee, bemitleidet zu werden und deshalb zu weinen. Die Traurigkeit wird genossen, sie ist unendlich, hält sich am Meer, bei chronischen Krankheiten und nach Anstrengung. Daraus erwächst eine eigentümliche Würde: Single-Rubriken nennen ein Stolzsein auf das eigene Leid („Stolz – Leid, auf das eigene“), eine Macht, die man durch Leiden ausübt („Macht – ausüben durch Leiden“), und die Passion, den Leidensweg. Man kann darin eine Haltung lesen, in der das Leiden zum Besitz geworden ist, den niemand antasten soll.

Rückzug und Nähe auf Distanz

Die Beziehung steht im Zeichen der Distanz. Nur dieses Mittel hat die Rubrik, Beziehungen auf Abstand zu halten, und daneben die Sehnsucht nach Beziehung; eine Bindung einzugehen, wird unmöglich. Die Person weicht Blicken aus. Wird sie angesprochen, schaut sie an die Wand („Blicken – Wand, gegen die, wenn angesprochen“), und Kinder reagieren auf Ansprache mürrisch und trübsinnig. Sie mag die Einsamkeit, will in fieberfreien Zeiten ihre Ruhe haben, schleicht umher wie ein Geist, fühlt sich unbeachtet und hat Abneigung gegen Fotografiertwerden, Umstände und Getue. Und doch vertrauen sich ihr viele Menschen an, sie ist loyal in Beziehungen und beharrlich in der Liebe.

Beherrschung und ihr Preis

Die Gefühle werden zurückgehalten. Ärger kann nicht ausgedrückt werden, das Weinen ist kontrolliert, manche sind niemals zornig, und der Hass ist beharrlich, aber nicht ausgelebt. Was sich staut, kommt anders heraus: im Zwicken bei Kindern, die so Gefühle zeigen wollen („Zwicken – Kindern, bei – Gefühle zu zeigen, um“), in lautstarkem, stürmischem Kummer, in einer Lähmung durch Zorn und in der Wut, die erst durch Trost entsteht. Die kleinen Rubriken zeigen einen Zug zum Pünktlichen und Vorausplanenden, zu verschleppter Arbeit und zu Unverschämtheit von Untergebenen gegenüber Vorgesetzten. Im Gemüt steht neben dem Kummer das Schweigen aus Eigensinn.

Angst und Furcht

Die Furcht ist breit gestreut: vor Geisteskrankheit abends im Bett, vor dem Tod im Bett, vor Gewitter, das nachts aus dem Bett treibt, vor Bienen, vor langer Arbeit, davor, bemitleidet zu werden, und davor, andere zu verletzen. Die Angst hat eine Gewissensfärbung, im Traum wie im Kummer, und sie kreist um die Frage, was aus ihr oder ihm werden soll. Auffallend sind die Rubriken zu Dieben: Die Person träumt von Einbrechern, hält beim Erwachen den Traum für wahr und glaubt das Gegenteil erst, wenn das Haus durchsucht ist; nachts sucht sie nach ihnen. Das King-Pin-Symptom lautet „Angst – abwechselnd mit – Gleichgültigkeit“: Die Angst vor dem, was werden kann, löst sich mit einer Gleichgültigkeit ab, in der keine Bemühung zur Besserung der Lage mehr stattfindet. Dieser Wechsel prägt das Bild: Wer sich eben noch sorgte, tut im nächsten Augenblick nichts.

Kinder

Mit 360 Rubriken ist das Kind die größte Hauptrubrik. Es ist mürrisch, wenn man es anspricht, schreit als Neugeborenes schluchzend, gedeiht schlecht bei mangelhafter Ernährung oder mit Abmagerung am Gesäß und verlangt nach ernster, klassischer Musik. Es zürnt den Eltern, hat Angst im Wasser vor Haien und Kröten und verschiebt die Arbeit. Ein Kind, das Gefühle nicht zeigen kann, zwickt, damit sie gezeigt werden. Das passt zur Beherrschung der Erwachsenen.

Nacht, Einschlafen und Sexualität

Die Nacht bringt das Verdrängte hervor. Beim Einschlafen entstehen Verse, Reime und Gedichte, lebhafte Phantasien und im Halbschlaf eine Gedankenflut. Nachts um fünf Uhr kommt Angst, um Mitternacht Unruhe, und abends ist die Person lasziv, im Bett wollüstig; die Rubriken verzeichnen aber auch ein Gefühl der Distanz beim Koitus, schmerzhaften Koitus durch Trockenheit und Beschwerden durch sexuelle Enthaltsamkeit bei Männern. Der Wunsch nach der idealen Frau oder dem idealen Mann steht daneben.

Zusammenfassung

Natrium muriaticum erscheint im Repertorium als Mensch, der erlittene Kränkung bewahrt und aus dem Bewahren eine Würde zieht. Er weist Trost und Mitleid zurück, hält Nähe auf Abstand und beherrscht seine Gefühle, bis sie nachts, im Traum und im Gedicht und im Verhalten der Kinder hervorbrechen. Die Angst um die Zukunft wechselt mit einer Gleichgültigkeit, die nichts mehr unternimmt.

Alle Rubriken dieses Mittels, die Arzneimittellehre und die Fallarbeit finden Sie in Rathmer’s Repertorium.

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