Repertorium › Arzneimittel im Repertorium
Opium (Op.)
Opium (Op.) steht im Repertorium in 1.731 Rubriken. Davon sind 126 Single-Rubriken, in denen nur dieses Mittel steht, und 162 kleine Rubriken mit höchstens zwei weiteren Mitteln. Die Schwerpunkte liegen bei den Wahnideen, dem Delirium, der Furcht, der Bewusstlosigkeit und dem Koma. Aus diesen Rubriken ergibt sich das Bild eines Menschen, den ein Schreck überwältigt hat und der seither zwischen zwei Zuständen wechselt: einer tiefen Betäubung, in die nichts mehr vordringt, und einer überwachen Erregung, in der ihn Bilder und Ängste überfluten.
Schreck und Nachwirkung
Der Schreck ist das durchgehende Thema. Opium steht dort, wo ein Erschrecken nicht abklingt: „Beschwerden durch – Eindruck des Schreckens bleibt bestehen“, „Beschwerden durch – Schreck – zurückliegenden Schreck, durch länger“, „Angst – Schreck, nach – zurückbleibt (bestehen bleibt), wenn die Furcht nach einem Schreck“. Was der Schreck anrichtet, ist handfest. Er führt in die Bewusstlosigkeit und ins Heulen, er treibt die Person umher, als sei sie erschreckt, er lässt bei unterdrückten Menses einen Stupor entstehen und löst die Entbindung vor der Zeit aus. Auch der Schock nach einer Verletzung und die qualvolle Angst im Verletzungsschock gehören hierher, ebenso ein Kummer, der auf den Schreck folgt. Im Umkreis von Gewalt und Sexualität verzeichnet das Repertorium Beschwerden, bei denen das Bild des Vergewaltigers immer wiederkehrt.
Furcht
Die Furcht des Opiums hat bestimmte Adressaten: Skorpione, die Schlaflosigkeit, die Verschwendung und, als King-Pin-Symptom, die Extravaganz, deren Rubrik zugleich eine Single-Rubrik ist. Sie bleibt nicht im Gemüt, sondern greift in den Körper: Harnverhaltung, Verstopfung und ausbleibende Menses entstehen aus Furcht, und die Angst vor einem Abort in der zweiten Schwangerschaftshälfte ist gesondert verzeichnet. Daneben stehen Rubriken, in denen die Furcht ausbleibt oder sich ins Gegenteil kehrt: die Verachtung des Todes, eine Freiheit, zu tun, was getan werden muss, und ein Mut, der sich mit Albernheit oder mit Entmutigung paart.
Die Betäubung
Ihr gegenüber liegt das Abschalten. Das Repertorium kennt eine Gleichgültigkeit, in der nichts bemerkt und nichts wahrgenommen wird und die Person stoisch bleibt gegenüber dem, was geschieht. Es kennt Stumpfheit durch Schwere im Kopf oder durch Betrunkenheit und eine Benommenheit „Rauch im Gehirn, wie durch“. Das Spektrum reicht über den Stupor, selbst über einen, in dem Fragen richtig beantwortet werden, ehe er sofort zurückkehrt, bis in die tiefe Bewusstlosigkeit und das Koma. Dort verzeichnen die Rubriken Schnarchen, einen herabfallenden Kiefer, glasige oder halb offene Augen und eine kalte Haut. Zu diesem Bereich gehören auch Zufriedenheit, ein stilles Wesen und das Gefühl von Ruhe und Stille beim ruhigen Dasitzen. Man kann darin eine Ruhe sehen, die nicht aus Entspannung stammt, sondern aus der Abgeschnittenheit von dem, was geschehen ist.
Wahnbilder und Delirium
Wo die Betäubung reißt, bricht ein Strom von Bildern herein. Im Delirium sieht Opium Geister, Gespenster und Teufel. Die Wahnideen führen Skorpione, Drachen, Masken und Skelette vor, alte Männer mit langen Bärten und verzerrten Gesichtszügen, die Gewissheit, jeder in der Umgebung sei ein Mörder, und die Vorstellung, Menschen kämpften miteinander. Immer wieder geht es um Drohung und Strafe: Man fürchtet, hingerichtet oder bestraft zu werden oder dass jemand zustechen wolle. Das Bett wird zum Schauplatz der Täuschung, es sei zu heiß oder von Teufeln umringt. Hinzu treten Wahnideen der Trennung und Verdoppelung: von den umgebenden Gegenständen getrennt zu sein, nicht im eigenen Haus zu sein, drei Stunden von daheim entfernt, kein Gewicht zu haben, ein zweites Selbst in sich zu tragen oder mit sich selbst zu sprechen. In dieselbe Richtung weisen die Rubriken zum Körper: das Gefühl, die Beine gehörten einem anderen, das Gefühl, sich aufzulösen, und das Gefühl übergroßer Augen.
Selbstvorwurf und Delirium tremens
Das Delirium trägt eine Spur von Selbstvorwurf. Eine ganze Gruppe von Single-Rubriken beschreibt, wie sich der Delirierende wegen seiner Narrheit oder Dummheit tadelt, rügt und beschuldigt. Das Delirium tremens steht dem nahe; bei Opium kann schon eine kleine Menge Alkohol es auslösen, es kann chronisch verlaufen oder nach epileptiformen Anfällen auftreten. Die Rubriken nennen alte, abgemagerte Personen und abgestumpfte Sinne mit Schnarchen.
Wechsel der Stimmung
Die Stimmung schlägt rasch um. Das Repertorium verzeichnet ein albernes Benehmen mit ausgelassener Heiterkeit, auf die zornige Wildheit oder tränenreiche Traurigkeit folgt, ein Possenreißen, das in Zorn oder weinerliches Jammern kippt, einen Zorn, der Possenspiel enthält, Fröhlichkeit im Kummer und Traurigkeit im Possenspiel, dazu Erregung mit Depression oder mit gleichzeitiger Sedierung und Sorgen mit Hochgefühl. Auch die Eifersucht auf die Menschen der Umgebung ist nur Opium zugeordnet.
Sprache und Denken
Die Rubriken zur Sprache zeichnen eine eigene Linie: überzeugend, kurz und bündig, monoton singend, auch sprechend im komatösen Schlaf. Daneben stehen ein Talent zum flüssigen Schreiben und scharfsinnige Gedanken, und neben beidem eine Vergesslichkeit, die vor allem das Verknüpfen zusammenhängender Gedanken betrifft.
Zusammenfassung
Das Repertorium zeichnet ein Spannungsbild, in dem Überwältigung und Abschaltung einander ablösen: ein Mensch, dem ein Schreck nachgeht, der sich in die Betäubung zurückzieht und dessen Erleben, sobald sie nachlässt, in Bilder, Furcht und rasch wechselnde Stimmung umschlägt.
Alle Rubriken dieses Mittels, die Arzneimittellehre und die Fallarbeit finden Sie in Rathmer’s Repertorium.
Repertorium kennenlernenKostenlos ausprobierenEin Nachschlagewerk für Fachleute; ersetzt keine Diagnose oder Behandlung.