Repertorium › Arzneimittel im Repertorium
Phosphorus (Phos.)
Phosphorus (Phos.) steht im Repertorium in 2.627 Rubriken. Davon sind 122 Single-Rubriken, in denen nur dieses Mittel steht, und 215 kleine Rubriken mit höchstens zwei weiteren Mitteln. Die Schwerpunkte liegen bei den Wahnideen, der Angst, den Rubriken zu Kindern und der Furcht, dazu bei Traurigkeit, dem Verlangen zu beißen, Gleichgültigkeit, Aphonie und Delirium. Aus ihnen ergibt sich das Bild eines offenen, durchlässigen und warmherzigen Menschen, der sich leicht verausgabt, auf Gegenseitigkeit angewiesen bleibt und von Furcht und Wahnbildern überspült wird, sobald ihm der Schutz fehlt.
Offenheit und mangelnde Abgrenzung
Der Grundzug ist Durchlässigkeit. Das Repertorium verzeichnet ein ätherisches Wesen, Mangel an Abgrenzung und Empfindlichkeit gegen die Atmosphäre, gegen die Aura anderer Personen und gegen das Magnetisiertwerden. Das Gefühl, die Gedanken anderer zu kennen, gehört ebenso dazu wie das Empfinden, von der Umwelt abgespalten zu sein, und die Flucht in eine Traumwelt. Wer so offen ist, gibt sich leicht preis. Single-Rubriken halten fest, dass die Person eigene Belange und eigene Interessen zurückstellt und sich für einen anderen aufgibt, bis hin zum Gefühl, „Aufgefressen – werden, von anderen, Gefühl von“. Man kann darin die Kehrseite einer großen Hingabefähigkeit lesen.
Zuwendung und Gegenleistung
Aus dieser Hingabe erwächst ein Anspruch. Das Repertorium kennt das Verlangen nach Zuneigung, Liebe und Menschlichkeit als Gegenleistung, „Verlangen, Wunsch nach – Gegenleistung“, ein Hunger nach Liebe, der gibt und nehmen möchte. Bleibt die Gegenseitigkeit aus, kippt die Haltung; die Person wird aggressiv, „Aggressiv – geliebt, wenn nicht“. Wird die Liebe dagegen wirklich, folgt Ernüchterung: „Desillusioniert – Liebe real wird, wenn“. Im Verhältnis zum Therapeuten wirkt sich dieses Gefälle besonders aus. Verzeichnet sind Abhängigkeit vom Arzt, der Wunsch, ihn zu bezirzen, die wache Aufmerksamkeit auf jede seiner Bewegungen und die Neugier auf seine Ausbildung. Auf Mitgefühl, erwiderte Zuneigung und die Neigung, Kinder zu küssen und zu liebkosen, trifft eine Wärme, die sich sofort bei einer Umarmung entblößt.
Begeisterung und Ausstrahlung
Die offene Seite ist die einnehmende. Single-Rubriken beschreiben das Bezaubernde, eine überschäumende Ausstrahlung, rasche Begeisterung und die Fähigkeit, sich lebendig auszudrücken. Es besteht ein ausgeprägter Sinn für Blumen und schöne Dinge, ein Hang zum Amüsieren und, in den Wahnideen, das Gefühl, selbst perfekt zu sein oder auf einer fernen glücklichen Insel zu leben. Der Zorn passt dazu: Er bricht aus und ist schnell besänftigt, leicht zu beschwichtigen, hört plötzlich auf.
Furcht und Angst
Dem Überschwang stehen die Ängste gegenüber, und sie sind zahlreich. Gefürchtet werden die Dämmerung, die Dunkelheit, das Alleinsein, Gewitter, Erdbeben, Elektrizität und Bienen. Sorge gilt der eigenen Gesundheit, und die Furcht um andere ist als Single-Rubrik verzeichnet: „Furcht, Phobie – Unfällen, vor – geliebter Menschen“. Auch die Gedanken selbst bedrohen: Angst und Furcht beim Denken an Unangenehmes sind nur Phosphorus zugeordnet. Die Gewissensangst lässt Tag und Nacht nicht liegen, und die qualvolle Angst tritt bei Alleinsein, bei stürmischem Wetter und bei drohender Pneumonie auf. Sie begleitet Blutungen und Brustbeklemmung.
Wahnbilder
Die Wahnideen sind der größte Block unter den spezifischen Rubriken. Aus jeder Ecke sehen schreckliche, groteske Gesichter, kriechende Dinge, Gestalten erdrosseln und ersticken, eiskalte Hände würgen im Erwachen. Feuerblitze und eine Flamme gehen durch den Körper; der Körper oder die Knochen zerfallen in Stücke, die nicht mehr zusammenzusetzen sind. Dinge bewegen sich, ein Sessel will sich heben, die Welt dreht sich. Die Person hält sich für schuldig einer ermordeten Person oder einer obszönen Handlung, sieht Unfälle ihrer Verwandten und glaubt, auf einer Bühne zu stehen. Das Gemeinsame ist der Verlust der festen Grenzen von Körper und Umgebung.
Gleichgültigkeit und Erschöpfung
Auf die Überreizung folgt der Rückzug. Die Gleichgültigkeit richtet sich selbst auf engste Freunde, so die Rubrik „Gleichgültigkeit, Apathie – besten Freunden, selbst gegenüber den“, sie wechselt mit Weinen und folgt auf Angst. Die Stumpfheit macht gefügig; die Person tut, was man ihr sagt, und wartet auf Kommentare. Dazu passen das Gefühl, ausgebrannt und außer sich zu sein, Erschöpfung durch Kleinigkeiten, Betäubung im warmen Zimmer und Stupor. Traurigkeit stellt sich ein durch Abkühlung, durch Geräusche und in der Dämmerung, auch mit unwillkürlichem Lachen unter Tränen; Weinen bessert.
Kinder
Die Rubriken zu Kindern (320) tragen das Bild weiter. Die Kinder sind wachsam und achten auf jede Geste, wie die Single-Rubrik „Achtsam, Alarmbereitschaft, Alarmhaltung, wachsam – Kinder, wachsame, die auf jede Geste achten“ festhält. Sie haben zarte Wimpern, einen Sinn für Blumen und schöne Dinge, sind ängstlich bei Dunkelheit und Gruselgeschichten und kommen ins Bett der Eltern. Sie sind leicht zu beruhigen, wechseln zwischen Fröhlichkeit und Traurigkeit und neigen zum Beißen, Zwicken und Ziehen am Arm der Mutter, etwa aus Freude. Verzeichnet sind auch Chorea nach zu schnellem Wachstum und bei Mädchen in der Pubertät ein großer, schlanker Wuchs mit Nasenbluten.
Schlaf, Nacht und Wut
In der Nacht wird die Offenheit körperlich. Delirium und Raserei brechen beim Wecken auf, die Hände greifen im Schlaf, das Beißen gilt dem Kissen. Verzeichnet sind erotische Ekstase im Schlaf, Manie im Schlaf, Schlafwandeln bis auf Dächer und Brüstungen und Murmeln bei Bewusstlosigkeit. Auch die Stimme leidet; Aphonie tritt durch langes Sprechen, durch Überhitzung und schmerzlos auf.
Zusammenfassung
Phosphorus zeichnet sich im Repertorium als Mittel aus, dessen Stärke und dessen Verwundbarkeit in derselben Fähigkeit liegen: sich zu öffnen. Die Offenheit schenkt Wärme und Anziehung, verlangt aber Antwort, und fehlt sie, folgen Zorn, Ernüchterung, Gleichgültigkeit oder Furcht. Die Wahnbilder und die Ängste lesen sich als das, was eindringt, wo keine Grenze mehr steht.
Alle Rubriken dieses Mittels, die Arzneimittellehre und die Fallarbeit finden Sie in Rathmer’s Repertorium.
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