Repertorium › Arzneimittel im Repertorium

Platina (Plat.)

Platina (Plat.) steht im Repertorium in 1.855 Rubriken. Davon sind 124 Single-Rubriken, in denen nur dieses Mittel steht, und 190 kleine Rubriken mit höchstens zwei weiteren Mitteln. Die Schwerpunkte liegen bei den Wahnideen, der Furcht, der Traurigkeit, dem Lachen und dem Verächtlichen, dazu bei Religion, Sexualität und den Rubriken zu Kindern. Aus ihnen ergibt sich das Bild eines Menschen, der sich über andere erhebt, diese Erhebung moralisch und ästhetisch absichert und dessen Stimmung unter der Oberfläche haltlos zwischen Hochgefühl, Verzweiflung und Furcht wechselt.

Erhöhung des Selbst

Im Mittelpunkt der Wahnideen steht die eigene Größe. Das Repertorium verzeichnet das Gefühl, eine außergewöhnliche Person zu sein, auserwählt, edel, allmächtig und von adliger Art, bis hin zur Vorstellung, die Königin zu sein oder einer adligen Familie anzugehören und in die eigene Familie nicht zu passen. Die Größe wird räumlich erlebt: Alles im Zimmer erscheint verkleinert, während die Person selbst groß und erhaben ist, so die Rubrik „Wahnideen – verkleinert – alles im Zimmer sei verkleinert, während sie groß und erhaben ist“. Nach einem Spaziergang wirken beim Eintreten ins Haus die Menschen geistig und körperlich minderwertig, der eigene Körper dagegen zu groß. Nur Platina zugeordnet ist die Vorstellung einer Sendung: „Wahnideen – Mission, einen Auftrag, man habe eine“. Zu dieser Selbsteinschätzung passen die Ansprüche, die die Rubriken verzeichnen: an die eigene Person, an den Partner und an die Umgebung, dazu hochgesteckte Ziele und die Erwartung, dass die eigene Meinung respektiert wird.

Verachtung und King-Pin-Symptom

Aus der Erhöhung folgt die Verachtung. Sie richtet sich gegen die Gesellschaft, die Menschheit und die Verwandten, gegen Frauen und gegen Männer, und sie kann rassistisch oder religiös gefärbt sein. Eine Single-Rubrik hält fest, dass alles unter dem eigenen Niveau liegt, eine andere, dass die Person auf alle anderen herabsieht. Dabei unterliegt die Haltung nicht dem eigenen Willen: Verzeichnet sind Verachtung in Anfällen, Verachtung gegen den eigenen Willen und ein verächtlicher Blick auf Menschen, den die Person selbst nicht will. Das King-Pin-Symptom fasst die Haltung in einer Rubrik zusammen, die zugleich ihre zwei Gesichter zeigt: „Verächtlich – hart gegenüber Untergebenen und liebenswürdig gegenüber Vorgesetzten oder Menschen, vor denen sie/er sich fürchtet“. Eine kleine Rubrik zur Frechheit von Angestellten gegenüber Vorgesetzten entspricht ihr, und es fügt sich, dass Autoritäten nur aufgesucht werden. Das ganze Verhältnis zu anderen scheint einer Rangordnung zu folgen: Wer unten steht, wird abgewertet, wer oben steht, wird umworben.

Korrektheit und Haltung

Die Erhöhung braucht eine Fassade. Eine Single-Rubrik, die in mehreren Wendungen wiederkehrt, nennt eine Person, die „Scheut – vor allem, was vulgär und grob ist, übermäßig moralisch und korrekt“. Ihr zur Seite stehen Pedanterie in Kleinigkeiten, Heikelkeit gegenüber dem eigenen Erscheinungsbild, Dezenz, ein extravaganter Geschmack und eine kontrollierte Gestik. Auf der anderen Seite dieser Haltung steht offenbar die Angst vor dem sozialen Abstieg und vor dem Absturz. Zur Abgrenzung nach außen gehören das Gefühl, abgetrennt und abgekoppelt zu sein, das Ausgrenzen von Personen gegen den eigenen Willen und die Zurückhaltung im Freien. Im Handeln dagegen verzeichnet das Repertorium wenig Ordnungssinn als Quelle von Verschwendung und eine geschäftige Zerstreutheit ohne Wirkung.

Lachen, Weinen und Traurigkeit

Die Stimmung ist selten stabil. Das Lachen erscheint vielfach an der falschen Stelle: an unpassenden Orten, krampfhaft, über Ernstes im Freien, verächtlich, während der Menses und zwischen Konvulsionen. Es wechselt mit Schweigsamkeit, mit Weinen und mit Furcht vor dem Tod und endet in Traurigkeit. Nach demselben Schema sind die Rubriken zu Traurigkeit und Zärtlichkeit gebaut: Traurigkeit wechselt mit liebevollem Wesen, mit Milde und mit Zärtlichkeit, Reizbarkeit mit Milde, Mürrischsein mit Zuneigung. Die Traurigkeit verknüpft sich mit Mitternacht, mit dem Eintreten ins Haus, mit dem Verrat und mit sexueller Erregung; Sonnenschein bessert sie. Schließlich gibt es Gemütssymptome, die auftreten, wenn körperliche Symptome verschwinden, und umgekehrt. Das lässt sich lesen als eine Stimmung, die ein Körperleiden ablöst und von ihm abgelöst wird.

Furcht

Die Furcht gilt dem Tod, dem Verstand, dem Krebs und gewaltsamen Ereignissen: gehängt, erhängt oder erwürgt zu werden, der Nähe von Messer und Gewehr mit dem Verlangen, zu töten, dem Orgasmus und der Vergewaltigung. Besonders fein gegliedert ist die Todesfurcht. Sie tritt nach einem Schreck, im Zorn oder mit dem Verlust des Verstandes auf, und eine Rubrik nennt sie im Wechsel mit Lachen und Weinen: „Furcht, Phobie – Tod, vor dem – abwechselnd mit Lachen und Weinen“. Nur Platina kennt zudem eine Angst gerade vor dem Erfreulichen: „Angst – vergnüglichen Dingen, wegen höchst“. Sie ist auch als qualvolle Angst durch übermäßige Freude verzeichnet. Wer vom Schönen bedroht wird, erlebt den Genuss offenbar als Kontrollverlust. Dazu fügen sich die Furcht vor ernsten Gedanken und die vor Aufregung.

Religion, Moral und Sexualität

Zwischen Frömmigkeit und Erotik verlaufen auffallend viele Rubriken. Religiöse Gemütsstörungen verbinden sich mit Hochmut, Wollust und Grausamkeit, mit Schweigsamkeit, mit dem Verlangen nach Buße und mit sexueller Erregung; eine Single-Rubrik nennt die Angst um das Seelenheil: „Angst – Seelenheil, um das – Hölle, vor der“. Auf der anderen Seite stehen religiöser Egoismus und religiöser Hochmut. Zur Sexualität zählen eine erotische und eine starke Ausstrahlung, Lüsternheit bei jeder Berührung, Nymphomanie, Hysterie beim Höhepunkt, ein Konflikt über die eigene Sexualität und Unsicherheit der sexuellen Identität, aber auch platonische Liebe. Der Widerspruch liegt darin, dass ein strenges Selbstbild einen starken Trieb zu überwachen sucht, der sich nur in Anfällen, in Furcht und in Verachtung andeutet.

Kinder und Geburt

Unter den Rubriken zu Kindern (134) stehen Geiz, Habgier und Missgunst, gesteigertes sexuelles Verlangen bei kleinen Mädchen und hysterische Erotomanie. Die Einstellung zu Kindern ist dabei nicht ungetrübt; eine Single-Rubrik beschreibt die Abneigung, Kinder zu bekommen, weil sie das Leben beeinträchtigen würden und die Welt zu schlecht sei. Um Schwangerschaft und Entbindung gruppieren sich Wochenbettmanie mit Tanzen, Singen und unanständigem Sprechen, Wochenbettfieber mit Angst und die Empfindlichkeit gegenüber schrecklichen Geschichten während der Entbindung.

Zusammenfassung

Platina zeigt im Repertorium eine Erhöhung, die nach innen nicht trägt. Die Person stellt sich über andere und befestigt dieses Gefälle durch Korrektheit, Distanz und Anspruch; darunter bleibt eine bewegliche, leicht kippende Gemütslage, in der Lachen, Weinen und Furcht einander ablösen. Die Furcht gilt dem Absturz und dem Kontrollverlust, selbst im Angenehmen, und die Verachtung nach unten und die Beflissenheit nach oben erscheinen als zwei Seiten derselben Ordnung.

Alle Rubriken dieses Mittels, die Arzneimittellehre und die Fallarbeit finden Sie in Rathmer’s Repertorium.

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