Repertorium › Arzneimittel im Repertorium
Rhus toxicodendron (Rhus‑t.)
Rhus toxicodendron (Rhus‑t.) steht im Repertorium in 1.201 Rubriken. Davon sind 47 Single-Rubriken, in denen nur dieses Mittel steht, und 66 kleine Rubriken mit höchstens zwei weiteren Mitteln. Die Schwerpunkte liegen bei den Wahnideen (99), der Angst (82), den Kindern, der Furcht und der Traurigkeit, dazu bei Ruhelosigkeit, Delirium, Gedanken und Gedächtnis. Aus ihnen ergibt sich das Bild eines Menschen, der nachts und im Bett von Angst, Verlassenheit und Bedrohung getrieben wird, nicht ruhen kann, durch Bewegung und frische Luft Erleichterung findet und sich allein in einer toten, stillen Welt wähnt.
King-Pin-Symptom
Das Repertorium verzeichnet für dieses Mittel ein King-Pin-Symptom: die Furcht, die mit Aberglauben verbunden ist. Es meint ein unbehagliches Gefühl beim Gedanken an etwas Bestimmtes, ohne dass dafür eine logische Begründung besteht. Dabei müssen das Element der Furcht und das des Aberglaubens gleichzeitig und dominant vorhanden sein. Alle weiteren Rubriken zur Angst, zu Wahnideen und zu Nachtängsten lassen sich in diesem Licht lesen: als Furcht, die auf ein unbestimmtes, nicht begründbares Unheil zielt.
Das Bett als Ort der Angst
Auffallend viele Rubriken knüpfen an das Bett und die Nacht an. Single-Rubriken beschreiben die Täuschung, jemand treibe die Person aus dem Bett oder etwas dränge sie hinaus, die Angst beim Aufstehen aus dem Bett, die Betäubung beim Aufstehen und das Fallen nach hinten beim Steigen aus dem Bett. Hinzu kommen kleine Rubriken: die Furcht, nachts nicht im Bett liegen zu können, abendliche Mürrischkeit im Bett, das Schreien im Schlaf, das Aufspringen aus dem Bett mit dem Ruf um Hilfe, Zupfen an der Bettwäsche im Delirium. Auch Fluchen im Schlaf, Spielen der Finger im Schlaf (auch bei Kindern) und Aufschrecken am Vormittag stehen als Single-Rubriken. Die Angst steigert sich nach Mitternacht und nach drei Uhr, wo unangenehme Gedanken und das Verweilen bei vergangenen unangenehmen Ereignissen verzeichnet sind. Wer im Bett liegt, bleibt der Unruhe ausgeliefert.
Verlassenheit und Totenstille
Ein zweites Kernthema ist das Alleinsein. Verzeichnet sind die Angst, allein zu sein, mit dem Gefühl, alles umher sei tot und still; ebenso die Wahnidee, alles sei totenstill und die Person allein. Daneben stehen Wahnideen, einem engen Freund Lebewohl gesagt zu haben und von einem Freund verlassen worden zu sein, und die Angst, als hätte der Freund die Person verlassen. Die Rubriken zu Verlassenheit werden im Freien besser. Zugleich besteht Abneigung gegen Gesellschaft mit Weinen und Gleichgültigkeit gegenüber Gesellschaft. Das Gefühl ausgeschlossen zu sein, wird dadurch gestützt, dass alle die Person anblicken und ansehen. Die Welt wirkt entleert und zugleich beobachtend.
Wahnideen von Bewegung und Verfolgung
Unter den Wahnideen finden sich Bewegungsbilder: Die Umgebung wirbelt mit der Person herum, sie werde im Sitzen hochgehalten, falle nach hinten oder vorn, sie streife umher, besonders in Feldern. Eine Single-Rubrik beschreibt das Delirium, in Feldern zu brausen oder schwer zu arbeiten, eine weitere das Gefühl, Berge übersteigen zu müssen. Auch das Gefühl zu arbeiten, wird in kleineren Rubriken bestätigt. Die Bedrohung ist handfest: Verzeichnet sind die Furcht, jemanden zu töten, und die Furcht vor dem Tod, begleitet von Kräfteverlust, Schwindel oder gebeugtem Sitzen. Auch das Gefühl, die Person könne sich nach dem Bücken nicht mehr aufrichten, ist festgehalten. Die Wahnideen sind körpernah und beschreiben Bewegungen, die nicht gelingen.
Ruhelosigkeit und Befreiung durch Bewegung
Die Ruhelosigkeit ist ein Leitmotiv. Verzeichnet sind die Ruhelosigkeit der Hände bei Tag und im Schlaf, das Spielen mit den Händen, Ruhelosigkeit im Wochenbett bei Lochien und Plazentaretention, bei Pneumonie und mit Betäubung. Eine Single-Rubrik hält fest, dass die Ruhelosigkeit in Raserei endet. Zugleich besteht eine ungewöhnlich klare Besserung durch Bewegung: Befreiung im Freien und bei Bewegung, Betäubung und Stumpfheit bessern sich durch Bewegung, Reizbarkeit bessert sich beim Gehen im Freien, und Aufstehen verbessert den Zustand. Dagegen ist die Person im Haus reizbar und traurig, wie die kleinen Rubriken zeigen. Das Gefühl, blockiert zu werden, steht dem gegenüber, ebenso die Ausweglosigkeit. Die Bewegung ist hier das Gegenmittel zur inneren Blockade.
Traurigkeit, Gedanken und Gedächtnis
Die Traurigkeit bezieht sich auf das Denken: Angst beim Denken an Trauriges ist eine Single-Rubrik, ebenso Furcht beim Denken an Trauriges und die Verschlimmerung durch traurige Gedanken. Es kommt zu Verzeichnissen von Suizidneigung in der Dämmerung am Abend, zu Furcht in der Dämmerung und zu Tadelsucht am Abend. Das Gedächtnis ist wechselhaft: Gutes, aktives Gedächtnis wechselt mit Stumpfheit, und Vergesslichkeit tritt beim Gehen nach dem Essen und nach Nasenbluten auf. Gedanken schwinden beim Drehen des Kopfes und im Stehen. Sängern wird eine periodische Aphonie zugeordnet. Das Gemüt ist auch mit rheumatischen Schmerzen verwoben: Reizbarkeit bei rheumatischen Schmerzen, Gemütssymptome bei Rheumatismus und bei Zahnbeschwerden.
Antreiben und Arbeiten
Zur Dynamik gehört ein gewisser Zwang: Das Gefühl, arbeiten zu müssen, das Antreiben anderer und das Fehlen von Ausweichen sind verzeichnet. Eine Single-Rubrik hält fest, dass die Antwort langsam, aber korrekt ist. Das Bild eines gewissenhaften, unnachgiebigen Menschen entsteht, der sich selbst keine Ruhe lässt.
Zusammenfassung
Rhus toxicodendron erscheint im Repertorium als ein Mittel der nächtlichen Angst und der inneren Unruhe. Das King-Pin-Symptom, die Furcht mit Aberglauben, passt zu den Bildern von Verlassenheit, Totenstille und Bedrohung, die vor allem im Bett und nach Mitternacht aufbrechen. Dem steht die Erleichterung durch Bewegung und freie Luft gegenüber: Wer sich regt, findet Befreiung, wer liegt oder im Haus bleibt, bleibt der Angst überlassen.
Alle Rubriken dieses Mittels, die Arzneimittellehre und die Fallarbeit finden Sie in Rathmer’s Repertorium.
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