Repertorium › Arzneimittel im Repertorium
Staphisagria (Staph.)
Staphisagria (Staph.) steht im Repertorium in 2.044 Rubriken. Davon sind 123 Single-Rubriken, in denen nur dieses Mittel steht, und 202 kleine Rubriken mit höchstens zwei weiteren Mitteln. Die Schwerpunkte liegen bei den Kinderrubriken, den Wahnideen, dem Zorn und der Angst, bei Beschwerden durch vorangegangene Ereignisse, bei der Empfindlichkeit, der Entrüstung und dem Kummer, dazu bei Liebe, Phantasien und Sexualität. Aus ihnen ergibt sich das Bild eines Menschen, der Kränkung und Demütigung tief empfindet, den Zorn darüber nicht äußern kann und ihn hinter Haltung, Höflichkeit und Milde verbirgt, bis er sich einmal entlädt.
Die Kränkung
Der Kern liegt in der Verletzbarkeit der Würde. Das Repertorium verzeichnet die Empfindlichkeit gegen Beleidigungen, Demütigung, Geringschätzung, Verachtung, Entehrung und unterstellte Unehrenhaftigkeit, jeweils in eigenen Rubriken. Wer sich verachtet glaubt, hat das Gefühl, jeder blicke auf ihn herab. Die Kränkung wirkt lange nach: Es gibt Introvertiertheit, Stumpfheit und Lebensüberdruss nach Kränkung, Traurigkeit durch ein schroffes Wort und Weinen schon bei der geringsten eingebildeten Beleidigung. Besonders deutlich zeigt es die Rubrik zum Rückzug nach dem Streit: „Beleidigungen, beleidigt, leicht, schnell – unterdrückten Zorn, beleidigt durch, zu würdevoll, um zu kämpfen, geht krank, zitternd und erschöpft nach Hause“. Die Person kämpft nicht, sie verlässt den Schauplatz und zahlt mit dem Körper.
Unterdrückter Zorn
Aus der Kränkung folgt ein Zorn, der keinen Weg nach außen findet. Die Rubriken sprechen von unterdrückten Gefühlen und unterdrückter Wut, von verborgener, latenter und innerlicher Aggression, von der Unfähigkeit, sich abzureagieren, sich zu wehren oder die eigenen Grenzen zu verteidigen („Grenzen – Unfähigkeit – zur Verteidigung eigener“). Äußerlich gilt das Gegenteil: Verzeichnet ist die Milde nach außen, innerlich aber wütend („Milde – außen, nach, innerlich aber wütend“), ebenso Zuneigung und Höflichkeit bei innerer Wut, und eine Höflichkeit, die aus Schuldgefühlen entspringt. Ein Gefühl, immer die Haltung bewahren zu müssen, stützt die Fassade. Das lässt sich lesen als eine Doppelexistenz, in der Außen und Innen auseinanderfallen; eine Rubrik nennt die Diskrepanz zwischen äußerem und innerem Befinden ausdrücklich.
Entladung
Wo der Zorn bricht, bricht er heftig. Die Rubriken kennen Wutanfälle, die selten, aber heftig sind („Wutanfälle – selten, aber heftig“), explosive und unkontrollierbare Anfälle, ohnmächtige Wut. Die Person stampft ohne Zeigen der Aggression beim Gehen auf, wirft Gegenstände nach denen, die sie beleidigt haben, zerreißt Dinge und stößt den Tisch weg („Zorn – stößt den Tisch weg“). Die Reue folgt: Bereuen des Zorns, Ausgeglichenheit danach. Der Körper trägt die Spuren, denn der Zorn engt die Halsgrube ein, schwächt Sprache und Stimme und kann zu einseitiger Lähmung führen. Wo der Zorn nicht herauskann, bleibt die Aphonie.
Liebe und Sexualität
Die Liebe ist nach innen verlegt. Verzeichnet sind die idealisierte, die platonische, die schmerzhafte und die ungelebte Liebe („Liebe – ungelebte“), dazu die idealisierende Liebe zur Mutter und die Sehnsucht nach dem Einswerden mit dem Partner. Ebenso ungelebt ist die Sexualität: Sie wird besprochen, ohne sie zu leben, sie verlagert sich in quälende sexuelle Phantasien und in die Sehnsucht nach Einsamkeit, um diesen nachzugehen. Es folgen Selbstvorwürfe und Reue, auch nach Masturbation. Beschwerden durch enttäuschte Liebe treten mit krankhafter Sensibilität und sprachlos auf. Wahnideen betreffen den Verlust des Partners und den Wunsch, ihn zu ändern. Rubriken zu Vergewaltigung und zum Deflorationsschock in der Vorgeschichte zeigen, dass auch körperliche Verletzung und Scham zum Bild gehören.
Kinder
Mit 260 Rubriken sind die Kinder das größte Gebiet. Die Kinder passen sich an und verleugnen sich selbst, je älter sie werden; sie fliehen beim Erwachen, greifen im Schlaf nach der Mutter, sind frühmorgens mürrisch, reizbar und trübsinnig und geraten außer sich vor Zorn auf die Eltern. Daneben steht ein ausgeprägter Sinn für Blumen und schöne Dinge. Das Gefüge von Anpassung und aufgestautem Groll zeigt sich bereits in dieser Altersstufe.
Schlaf und Vorstellungen
Die Angst kehrt nach dem Mittagsschlaf zurück, nach kurzem Schlaf und im Schlummer („Angst – Mittagsschlaf, nach dem“). Unter den Wahnideen stehen Gegenstände, die als etwas anderes erscheinen, Beine, die nachgeben, und ein Mensch, der von hinten herankommt. Selbstüberhöhung findet sich in Phantasien, die so übertrieben sind, dass die Person sie für wirklich hält, und in der Vorstellung, andere seien erniedrigt und klein, während sie selbst groß ist.
Zusammenfassung
Staphisagria zeigt im Repertorium einen Menschen, dessen Würde verletzlich ist und der auf Verletzung mit Schweigen, Haltung und Freundlichkeit antwortet, während sich Zorn und unterdrücktes Begehren im Innern stauen. Aus der Spannung entstehen die seltenen, heftigen Ausbrüche, die körperlichen Folgen und die Rückzüge in Phantasie, Liebe ohne Erfüllung und Selbstvorwurf. Dass die Kinderrubriken so zahlreich sind, deutet darauf hin, dass dieses Muster früh gelegt wird.
Alle Rubriken dieses Mittels, die Arzneimittellehre und die Fallarbeit finden Sie in Rathmer’s Repertorium.
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