Repertorium › Arzneimittel im Repertorium
Stramonium (Stram.)
Stramonium (Stram.) steht im Repertorium in 2.727 Rubriken. Davon sind 297 Single-Rubriken, in denen nur dieses Mittel steht, und 371 kleine Rubriken mit höchstens zwei weiteren Mitteln. Die Schwerpunkte liegen bei den Wahnideen, dem Delirium, der Furcht, den Gesten und Gebärden, dem Lachen, den Kindern und der Raserei. Das Bild, das daraus hervorgeht, ist das eines Menschen, der von Schrecken, Bildern und Verlassenheit überrannt wird und sich in seiner Not an jedes Gegenüber, an Licht und Nähe klammert; zwischen Angst, Wut und Lachen schlägt sein Zustand rasch um.
King-Pin-Symptome
Fünf King-Pin-Symptome geben dem Mittel einen eigenen Umriss. „Delirium – Schreien mit – Hilfe, um“ beschreibt den Ruf eines Menschen, der sich in einem inneren Brand glaubt und Rettung verlangt. Ihm antwortet das Anklammern, zunächst als „Klammert sich an – Personen oder Möbel, an“, dann in der Form, die das Kind betrifft: „Klammert sich an – Kindern, bei – erwacht in Panik, erkennt niemanden, klammert sich an die Umstehenden, das Kind“. Hinzu kommt „Verlangen, großes – Sonne, Licht und Gesellschaft, nach“, das Verlangen nach Helligkeit, Wärme und Gegenwart anderer. Die beiden übrigen King-Pin-Symptome gelten dem Schein und dem Selbstzweifel: der Geziertheit und Verstellung, die sich auch in der Geisteskrankheit und in der Manie zeigt, sowie der Wahnidee, für die eigene Stellung nicht geeignet zu sein. Man kann darin die Kehrseite des Tobens lesen: Hinter der Raserei steht ein Mensch, der Hilfe braucht und sie nicht anders zu erbitten weiß.
Wahnideen
Die Wahnideen bilden das größte Themenfeld und sind überwiegend bedrohlich. Sie bewegen sich zwischen Verfolgung und dem Zerfall der Ordnung. Ein Mensch sieht Gestalten, die aus der Erde aufsteigen, aus der Ecke auf ihn zukommen oder neben ihm stehen. Er fürchtet, ermordet, gebraten und gefressen zu werden. Das Bett wird zum unsicheren Ort: Es falle auf ihn, werde unter ihm weggezogen, sei voller Falten oder schwebe. Daneben stehen Täuschungen über den eigenen Körper, etwa drei Beine zu haben oder in zwei Hälften geschnitten zu sein, Wahnideen von Eifersucht und Untreue und das Gefühl, allein zu sein, in der Wildnis oder auf einem Friedhof. Andere Rubriken berichten vom Brandgeruch, von rollenden Feuerkugeln und vom Zug im Ohr. Dass die Beziehung zu sich selbst ins Wanken gerät, zeigt „Wahnideen – Stellung nicht geeignet, sie/er sei für ihre/seine“, die Überzeugung, einer Rolle als Mutter, Ehefrau oder im Beruf nicht gewachsen zu sein.
Delirium und Geisteskrankheit
Das Delirium zeigt sich in vielen Gestalten: ängstlich, redselig, dumm und stumpfsinnig oder von rhythmischen und eigenartigen Bewegungen begleitet. Es wechselt mit tetanischen Konvulsionen, es erscheint nach Erysipel, mit sexueller Erregung und im Delirium tremens, wo die Zunge zittert und die falschen Worte gewählt werden. Die Person flieht, zerreißt ihre Kleider, kriecht im Bett umher, bellt oder will auf die Straße. In der Geisteskrankheit reicht das Spektrum bis zu Rubriken wie „Geisteskrankheit, Wahnsinn – wühlt wie ein Schwein mit dem Mund in der Erde“, zum Amoklaufen und zum Nachahmen der Stimmen und Bewegungen von Tieren. Wie rasch die Zustände umschlagen, zeigen die Rubriken, in denen die Raserei mit Lachen, mit Redseligkeit, mit der Vorahnung des Todes und mit der Rückkehr des klaren Bewusstseins abwechselt.
Furcht, Angst und Alleinsein
Die Furcht richtet sich auf Hunde, Tunnels ohne Licht, Prozessionen, Wasser, das Ersticken und auf Unheil durch Kleinigkeiten. Aus der Furcht vor dem Alleinsein erwächst der Wunsch nach Licht und Gesellschaft. Die Angst selbst ist gewaltig, schrecklich, wahnsinnig, bisweilen von sonderbarer Empfindung begleitet und durch Wahnideen ausgelöst; sie lässt nach, wenn es hell wird. Die Rubriken zum Verlassensein verbinden Isolation mit panischem Entsetzen, und die Untröstlichkeit wird im Alleinsein und in der Dunkelheit schlimmer. Der Dauerzustand spiegelt sich in „Bedroht – permanent“ und in der Erwartung des Entsetzlichen.
Gesten, Lachen und Sprache
Die Hände sind ständig in Bewegung. Sie greifen nach Fliegen oder Flammen, öffnen und schließen sich, zupfen, zerbrechen Nadeln und Stöckchen, füllen die Taschen oder zeigen Wünsche durch Gesten an. Das Lachen hat viele Färbungen: Es wechselt mit Angst und Singen, begleitet Raserei und Wutanfälle, kommt bei schlechter Laune und kann sardonisch sein. Auch Fröhlichkeit und Weinen lösen einander ab: Die Person weint die ganze Nacht und lacht den ganzen Tag. Die Sprache stockt im Stottern, im langen Ringen um ein einziges Wort, oder bricht als schrille Stimme hervor. Eine eigene Linie führt ins Religiöse, mit ständigem, fanatischem Beten, nächtlicher Frömmigkeit und dem Lesen in der Bibel den ganzen Tag.
Kinder
Bei Kindern steht Stramonium vor allem in den Rubriken der Furcht und des Schreckens: Alpträume, Pavor nocturnus, Ängste und Verhaltensstörungen, Zorn, wenn das Kind hochgehoben wird, und Furcht vor der Dunkelheit nach Gruselgeschichten. Das Kind kratzt das Gesicht des Vaters, ist unempfindlich gegen Bestrafung und liest gern ausgefallene Geschichten. Ein starkes Geburtstrauma und seine Folgen sind gesondert verzeichnet.
Milde und Gewalt
Hier liegt eine Doppelheit, die „Milde – maskiert Gewalttätigkeit“ zeigt. Sie passt zu den Rubriken, in denen die Ausbrüche ohne Anlass kommen, Zorn beim Kitzeln oder Stoßen entsteht und angestauter Zorn Platz sucht. Frechheit, Beschimpfen und das Beschuldigen der eigenen Person gehören ebenfalls dazu. Selbst Eigenes und Fremdes verschwimmen: Der Mensch kann den nicht erkennen, zu dem er spricht.
Zusammenfassung
Das Repertorium zeichnet Stramonium als ein Mittel der überwältigenden Not: Schreckbilder, Verfolgung und Alleinsein treiben zu Schrei, Flucht und Raserei, während hinter den Ausbrüchen ein Verlangen nach Licht, Gesellschaft und Halt sichtbar wird. Der Wechsel von Lachen, Weinen und Wut, die rastlosen Hände und die Verstellung formen das Bild eines Menschen, der sich vor dem Zerfall nur durch Anklammern zu retten sucht.
Alle Rubriken dieses Mittels, die Arzneimittellehre und die Fallarbeit finden Sie in Rathmer’s Repertorium.
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