Repertorium › Arzneimittel im Repertorium
Sulphur (Sulph.)
Sulphur (Sulph.) steht im Repertorium in 2.702 Rubriken. Davon sind 165 Single-Rubriken, in denen nur dieses Mittel steht, und 238 kleine Rubriken mit höchstens zwei weiteren Mitteln. Die Schwerpunkte liegen bei den Wahnideen, den Kindern, der Furcht und der Angst, dazu bei Abneigungen, Gedanken, Stumpfheit und Gedächtnis. Es ergibt sich das Bild eines Menschen, der geistig weit ausgreift, Gedanken und Pläne in Fülle hervorbringt und dabei die Wirklichkeit, den eigenen Körper und die eigene Verantwortung auf eine eigentümliche Weise verfehlt.
Das King-Pin-Symptom: das schrittweise Schwinden
Das King-Pin-Symptom lautet „Wahnideen – dünn – sie/er würde“. Gemeint ist ein Prozess, kein Zustand: Das Gefühl, von Tag zu Tag dünner zu werden, bedeutet nach der Anmerkung zur Rubrik, dass die Energien im körperlichen und geistigen Bereich schrittweise abnehmen, bis hin zum Verlust von Mut, Schneid und Selbstbewusstsein. Hierzu fügen sich die kleinen Rubriken zum Gefühl, abgemagert zu sein, und zum Wahn, der Körper sei schwarz, erdrückt oder zittere. Das Repertorium zeichnet ein Wesen, das nach außen reich an Einfällen ist und zugleich fürchtet, sich leise aufzubrauchen.
Wirklichkeit und Täuschung
Eine auffallende Gruppe von Single-Rubriken betrifft die Frage, was wirklich ist. Der Boden scheint zu schwanken, das Bett erscheint zu klein oder zu groß, Dinge wirken bald winzig, bald riesig, und der Körper wechselt zwischen klein und groß. Am deutlichsten wird das Tasten nach Gewissheit: „Berühren, anfassen, etwas – Dingen, Neigung zum Berühren von – weiß nicht, ob Gegenstände real (wirklich) sind, bis sie/er sie berührt hat“. Die gleiche Rubrik besteht für Kinder. Man kann darin einen Menschen sehen, der der eigenen Wahrnehmung nicht traut und sie am Gegenstand überprüfen muss. In dieselbe Richtung weist die Verklärung des Geringen: „Wahnideen – alt – alte Lumpen scheinen so schön und fein wie Seide“, ebenso als Single-Rubrik beim Schwachsinn verzeichnet.
Der Philosoph in Lumpen
Der Geist ist lebhaft, aber er wendet sich dem Praktischen kaum zu. Verzeichnet sind der Hang zum Philosophieren und Theoretisieren, metaphysisches Grübeln, religiöse Spekulation, politische Beschäftigung, literarische Arbeit und die Lust zu diskutieren. Das Verlangen, Enzyklopädien oder Detektivgeschichten zu lesen, steht schon bei Kindern. Die Rubrik „Philosoph – in Lumpen“ fasst es zusammen: Die Gedankenwelt ist reich, die äußere Lage und Erscheinung verwahrlost. Dazu passen die Wünsche, sich lächerlich anzuziehen, die Taschen mit allem Möglichen zu füllen, die Neigung zum Landstreicher und die Abneigung gegen das Waschen. Auffällig ist umgekehrt eine Abneigung gegen Belehrungen, gegen Literaturkenner und gegen Erziehung und Ausbildung. Der Geist will frei schweifen, nicht unterrichtet werden.
Selbstbild und Ausweichen
Im Verhältnis zu sich selbst finden sich zwei Linien. Auf der einen Seite stehen Selbsterhöhung und Genügsamkeit: Heldentaten werden erzählt, Besitz wird gerühmt, Hilfe von anderen wird abgelehnt, und die Person fühlt sich zuversichtlich im Alleingang. Schmeichelei erreicht viel. Auf der anderen Seite steht das Entziehen: „Verantwortung – leugnen“, dazu die kleinen Rubriken zu Ausreden, zum Hinausschieben der Arbeit und zu Ausweichhandlungen. Die Rubrik „Lustig, fröhlich – Lustprinzip, lebt nach dem“ gehört in dieselbe Nachbarschaft. Auch die Begabungen sind verzeichnet: Talent zum Tanzen, Zeichnen, zur Musik und zu den gestaltenden Künsten, dazu Erfindergeist, Witz und eine fesselnde Rede. Das Bild ist das eines begabten Menschen, der sich schlecht festlegen lässt.
Furcht, Angst und die Stunde um elf
Die Furcht richtet sich auf Konkretes und Körperliches: zu erblinden, sich zu erkälten, an hohen Orten andere stürzen zu sehen, vor dem Stuhlgang und nach dem Wasserlassen. Die Angst tritt nachts auf, mit Hitze, nach dem Genuss von Säuren oder mit dem Druck im Magen verbunden, und sie bezieht sich auf die Zukunft. Eine zeitliche Besonderheit gehört nur diesem Mittel: Betäubung, Ungeduld und Zorn um elf Uhr vormittags, und „Weinen – vormittags – 11 Uhr“. Die Stimmung folgt auch sonst dem Tageslauf: Niedergeschlagenheit tagsüber wechselt mit Heiterkeit am Abend, Gereiztheit mit Fröhlichkeit.
Erwachen, Schlaf und Gehör
Eine eigene Gruppe bildet der Übergang vom Wachen ins Schlafen. Beim Einschlafen sieht die Person Fratzen, beim Erwachen Menschen, nachts hört sie sich rufen. Wer beim Namen gerufen wird, fährt zusammen. Beim Erwachen singt oder lacht sie, kehrt aber auch mit Angst vor einem Geist zurück, den sie nicht loswird. Das Schlafwandeln führt auf Dächer und Brückengeländer. Die Grenze zwischen Traum und Wachen scheint durchlässig, ähnlich wie die zwischen Wirklichkeit und Einbildung.
Kinder
Mit 304 Rubriken sind die Kinder die größte Hauptrubrik. Die Einträge betreffen Beobachtung, Besitz und Neugier: „Kinder, allgemein – wachsam, aufmerksam – Essen, beobachtet alle beim“, verliebt in den eigenen Besitz, besitzergreifend gegenüber einem Elternteil, begabt, aber unaufmerksam, frühreif im Religiösen und den schulischen Anforderungen nicht gewachsen. Daneben stehen der Drang, alles zu erforschen, ohne etwas zu zerstören, und die Gewohnheit, alles in den Mund zu stecken. Das Kind trägt schon die Züge des späteren Philosophen: neugierig, selbstbezogen, schwer lenkbar.
Widerwille gegen Körper und Ausscheidungen
Zu den ungewöhnlichen Single-Rubriken zählt der Widerwille gegen den eigenen Körpergeruch bis zur Übelkeit und gegen die eigenen Ausscheidungen, daneben die Empfindlichkeit gegenüber unreinlichen Gerüchen. In einer kleinen Rubrik steht, der eigene Geruch werde verabscheut, der fremde jedoch geliebt. Auch die Abneigung gegen Wasser und Waschen steht dazu im Gegensatz zu dem Zwang, wiederholt zu waschen. Man kann darin eine zwiespältige Beziehung zum Körper lesen.
Zusammenfassung
Sulphur zeigt im Repertorium einen ideenreichen, eigensinnigen Menschen, der mehr in Gedanken als in der Welt lebt. Er prüft die Wirklichkeit tastend nach, schmückt das Geringe aus, weicht Pflicht und Verantwortung aus und stützt sich auf ein großes Selbstvertrauen, unter dem das Gefühl liegt, allmählich zu schwinden. Dass sich das Bild von der Kindheit an zeigt, verleiht ihm Geschlossenheit: Neugier, Besitzsinn und Ausweichen sind früh angelegt und setzen sich in der philosophischen Erwachsenenhaltung fort.
Alle Rubriken dieses Mittels, die Arzneimittellehre und die Fallarbeit finden Sie in Rathmer’s Repertorium.
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