Repertorium › Arzneimittel im Repertorium
Veratrum album (Verat.)
Veratrum album (Verat.) steht im Repertorium in 1.803 Rubriken. Davon sind 106 Single-Rubriken, in denen nur dieses Mittel steht, und 118 kleine Rubriken mit höchstens zwei weiteren Mitteln. Die Schwerpunkte liegen bei den Wahnideen, dem Delirium, der Geisteskrankheit, der Manie, der Angst und der religiösen Gemütsstörung; groß ist zudem der Anteil der Rubriken zu Kindern. Das Bild, das sich daraus fügt, zeigt einen Menschen, dessen Erregung ins Maßlose geht: ruhelos, laut und zerstörerisch, mit religiösen und gesellschaftlichen Größenvorstellungen, und doch von einer Angst unterlaufen, die sich körperlich äußert. Ein King-Pin-Symptom ist für das Mittel nicht verzeichnet.
Wahnideen von Rang und Berufung
Ein großer Teil der Wahnideen, des breitesten Bereichs, kreist um Erhöhung. Der Mensch hält sich für einen Prinzen oder eine Prinzessin, für eine Person von Rang, für einen Jäger, und er verspürt das Gefühl, berufen zu sein. Der Hochmut ist eigens verzeichnet, auch in seiner religiösen Form, und er tritt in enger Bindung an den Zyklus und die Schwangerschaft auf, nämlich vor den Menses und während der Schwangerschaft. Zugleich finden sich Rubriken eines unbekümmerten Umgangs mit Geld und Regeln: Er verschwendet Geld, benimmt sich in seinen Handlungen unverschämt und respektlos und gebärdet sich kindisch. Das lässt sich lesen als Selbstüberhöhung, die sich über Maß und Ordnung hinwegsetzt.
Religiöse Erregung
Das Religiöse hat ein eigenes Gewicht und erscheint durchweg im Übermaß. Verzeichnet sind das ständige Beten in der religiösen Manie, das Verlangen, Buße zu tun, die nächtliche Frömmigkeit, das Reden über religiöse Themen und, als Single-Rubrik, das „Predigen – religiöses, psychotisches Predigen“. Mit der Frömmigkeit schwankt die Identität: Die Person hält sich für Jesus oder für die Jungfrau Maria, und eine Single-Rubrik nennt die Wahnidee „Wahnideen – Gott – Bote Gottes, sie/er sei ein“. Dem Erhabenen steht die Verzweiflung gegenüber. Die Rubriken verzeichnen die religiöse Verzweiflung am Seelenheil, besonders bei unterdrückten Menses, und die Neigung zum Selbstmord aus religiöser Verzweiflung. Eine übermäßige Beschäftigung mit Religion verursacht Erregung bis hin zu Konvulsionen und, in der Katalepsie, zur Starre. Auch ein Gelübde tritt als Last auf: Die Person muss es halten, oder sie fürchtet, es zu brechen.
Raserei, Lärm und Zerstörung
Wo die Erregung sich entlädt, wird sie laut und handgreiflich. Die Manie ist geräuschvoll, sie macht viel Lärm und stampft mit den Füßen; ein beliebiges Geräusch kann eine Wildheit auslösen, die in wildes Tanzen mündet, aus dem die Person nur noch gehalten werden kann. Die Rubriken kennen eine anhaltende Raserei, eine mit Körperhitze verbundene Wut und ein Fluchen in der Nacht, ebenso das Beschimpfen, sobald die Person gereizt ist, und das Streiten bei Nacht. Wie weit das gehen kann, zeigt eine Rubrik: Der Mensch jagt die Familie aus dem Haus. Hinzu kommt ein Zerstörungsdrang, der sich an Dingen entlädt, an der Kleidung, die zerschnitten wird, und an der eigenen Haut, die mit den Fingernägeln aufgerissen wird. Nach innen gewendet, erscheint dasselbe Muster als Schlucken von Fäkalien, wie es die Single-Rubrik „Delirium – Fäkalien, schluckt ihre/seine eigenen“ verzeichnet, als Beißen in einen Schuh, dessen Teile verschluckt werden, und als Wahnidee, Schmutz zu essen.
Zwanghaftes Tun
Eine eigene Gruppe bilden Tätigkeiten, die sich in Wiederholung erschöpfen und nirgends hinführen. Die Person arbeitet ziellos, macht nutzlose Dinge, stapelt oder zerreißt Gegenstände, und ihr Schneiden von Papier ist so beharrlich, dass es als Single-Rubrik gleich mehrfach verzeichnet ist, darunter „Gesten, Gebärden, macht – wiederholt dieselben Handlungen – Schneiden von Papier“. Bei Kindern findet sich dasselbe als Schneiden mit der Schere, das stundenlang ohne Ermüdung fortgesetzt wird. Dahinter steht eine Ruhelosigkeit, die sich in ein Tun ohne Ziel entlädt und davon nicht beruhigt wird. In dieses Feld gehört auch das Umherlaufen und Wandern, in der Manie, in der Schwangerschaft, anfallsweise am Abend und in der Nacht.
Angst, Furcht und Unglück
Die Angst ist reich gegliedert und bleibt dabei körperlich gebunden. Sie endet mit Aufstoßen, sie steht in Verbindung mit kaltem Schweiß auf der Stirn, mit Übelkeit und Erbrechen im Stehen, sie verhindert das Atmen und führt in die Ohnmacht. Einige Rubriken machen den Stuhlgang zum Schauplatz der Furcht: die „Furcht, Phobie – Apoplexie, vor – Stuhlgang, beim“, die Furcht vor erschöpfendem grünem Stuhl in einem Schwall, die qualvolle Angst während des Stuhlgangs. Die Angst folgt außerdem festen Zeiten, nach Mitternacht und nach drei Uhr, abends nach dem Mittagessen als Gewissensangst. Sie knüpft sich schließlich an das Unglück: Verzeichnet sind die Angst vor einem bevorstehenden Bösen, das Gefühl, ein Unglück nähere sich, und die Rubrik „Untröstlich – Unglück, über eingebildetes“. In ihrer ausgeführten Form läuft der Betroffene schreiend und brüllend umher oder sitzt brütend, jammernd und weinend da, am Abend schlimmer.
Delirium und Wahn
Das Delirium tritt leicht ein und hat viele Begleiter: Kälte, kalter Schweiß, Durst, Husten und Kribbeln; es kann stürmisch oder apathisch verlaufen und knüpft an die Wochenbettzeit an, an die Lochien und an Konvulsionen nach der Entbindung. Die Wahnideen reichen über die Rangerhöhung weit hinaus. Die Welt steht in Flammen, die Person ist im Ausland oder nicht im eigenen Haus, sie ist zu weit gegangen, sie hört nicht oder ist stumm, und das Bild einer unheilbaren Krankheit tritt auf. Im Traum kommen Räuber, und beim Erwachen gilt der Traum als wahr. Auch der Kopf ist beteiligt, denn innerlich scheint er ganz in Bewegung zu sein, und die Dinge wirbeln im Kreis. Diese Wahnideen lassen sich als Ausdruck einer Wirklichkeit lesen, die dem Menschen entgleitet, in der er aus der Umwelt herausfällt und, wie eine Rubrik sagt, von ihr dissoziiert ist.
Vortäuschen und Verstellung
Das Vortäuschen ist eine Besonderheit des Mittelbildes. Simuliert werden Blindheit, Taubheit und Schwangerschaft, und die Single-Rubrik „Simuliert – Blindheit“ steht neben den vorgetäuschten Zuständen von Taubheit und Blindsein. Eine Wahnidee gibt vor, Wehen zu haben, eine andere geht von Taubstummheit aus, verbunden mit Krebs. Die Grenze zwischen bewusster Verstellung und Wahn bleibt in den Rubriken offen. Auch das Schreien wird als simulierter Zustand geführt. Darin zeigt sich möglicherweise die Neigung, ein Leiden zu inszenieren, das so noch nicht besteht.
Stille, Traurigkeit und Schwermut
Der lauten Seite steht eine verstummte gegenüber. Die Manie wechselt mit Stille und Schweigen, die Geisteskrankheit kann mild und leise sein, es gibt Stupor mit Traurigkeit, und der Betroffene blickt beim Gehen auf der Straße nach unten. Das Schweigen kehrt an bestimmten Stellen wieder, beim Husten und in der Schwangerschaft, und das Brüten wechselt mit Schreien. Auch hier ordnen sich die Zustände zu Gegensätzen: Manie und Traurigkeit gehören zusammen, und die Suizidneigung ist an Manie, Schwangerschaft und Wahn geknüpft. Der Wechsel erscheint als Grundzug, nicht als Ausnahme.
Zusammenfassung
Veratrum album entwirft im Repertorium einen Menschen, dessen Antrieb weder Maß noch Pause kennt. Er ruft, schneidet, reißt und läuft, er hebt sich in Rang und Berufung über die anderen hinaus und fällt in religiöse Verzweiflung zurück, sobald das Erhabene nicht trägt. Darunter liegt eine Angst, die in kaltem Schweiß und im Körper greifbar wird. Dass daneben Verstellung und Stille stehen, deutet darauf hin, dass das Mittel nicht nur die laute Entladung kennt, sondern auch ihr Gegenstück: den Rückzug in Schweigen und Schein.
Alle Rubriken dieses Mittels, die Arzneimittellehre und die Fallarbeit finden Sie in Rathmer’s Repertorium.
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